Der Sieg des Demokraten Joe Biden in der US-Präsidentschaftswahl scheint einen Richtungswechsel bei vielen Wirtschaftsthemen möglich zu machen. Mit Spannung wird nun darauf gewartet, wer die Schlüsselposten in der neuen Regierung übernehmen wird - gemäßigte, eher wirtschaftsfreundliche Demokraten oder Vertreter des progressiven Flügels. Letztere dürften auf Finanz- und Öl-Titel lasten, jedoch alternativen Energiewerten Auftrieb geben.

Da voraussichtlich die Republikaner erneut eine Mehrheit im Senat erringen werden, könnten sie allerdings teure Konjunkturprogramme verhindern. Behalten die Republikaner ihre Mehrheit, dürfte auch die Furcht der US-Investoren vor einer Erhöhung der Kapitalertragssteuer schwinden. Aktien von Solarenergie-Unternehmen und Cannabis-Produzenten könnten von Bidens Wahl profitieren. 

Finanzinvestoren haben sich jedenfalls vorerst einmal erleichtert über den Sieg des Demokraten bei der US-Präsidentenwahl gezeigt. Einige Investoren äußerten sich allerdings besorgt darüber, was der republikanische Amtsinhaber Trump noch als "lahme Ente" bis zur Amtsübergabe im Jänner alles unternehmen könnte. Dies könnte zu Verwerfungen am Aktienmarkt führen, warnen sie.

Klima und Umwelt:

Biden will eine 180-Grad-Wende in der Klimapolitik. Er hat angekündigt, bereits an seinem ersten Tag im Amt dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten zu wollen, aus dem die USA genau am Tag nach der Wahl formell ausgeschieden sind. Der Demokrat sagte zudem, dass er das Land auf lange Sicht aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen führen und stattdessen stärker auf erneuerbare Energien setzen wolle.

Gerade für Österreich könne es von Vorteil sein, wenn Biden sein angekündigtes Infrastrukturprogramm im Sinne der  "clean energy" (saubere Energie) umsetze, denn diese großen Programme seien eine Chance für die österreichische Industrie, kommentierte dies Michael Löwy, Bereichsleiter für internationale Beziehungen der Industriellenvereinigung (IV). Wenn der zweitwichtigste heimische Handelspartner und die zugleich größte Volkswirtschaft der Welt sage, dass sie in Energie, Umweltschutz und Infrastruktur investiere, sei das jedenfalls eine Perspektive. Eine stärkere Konjunktur in den USA ziehe auch immer andere Wirtschaftsräume mit, so Löwy.

Erdöl:

Durch einen Sieg Bidens ist eine Annäherung im Iran-Konflikt wahrscheinlicher, ebenso ein stärkerer Fokus auf regenerative Energien. Das ist längerfristig gesehen eher belastend für den Ölpreis, meinen Analysten. Kehrt der Iran an den Markt zurück, gibt es wieder ein Überangebot und das gegenwärtige Abkommen wäre in Gefahr, heißt es dazu aus Opec-Kreisen. Biden hatte im Wahlkampf angekündigt, die USA könnten zum internationalen Atomabkommen zurückkehren, falls der Iran seine Verpflichtungen wieder einhalte. Trump war im Jahr 2018 aus dem Abkommen ausgetreten.

Biden hatte Russland als größte Bedrohung für die USA bezeichnet. "Es gibt die Gefahr, dass Russland die OPEC+ verlässt, was zu einem Ende der Vereinbarung führen könnte", hieß es von Insidern. Trump war im April maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt, die während der ersten Welle der Coronavirus-Pandemie einen Preiskrieg auf dem Erdöl-Markt beendet hatten. Durch das Abkommen war die weltweite Förderung um etwa 20 Prozent reduziert worden, was zu einer Stabilisierung des Preises geführt hatte.

Die Ölpreise haben zum Wochenstart kräftig zugelegt. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete Montagfrüh 40,47 US-Dollar. Das waren 1,02 Dollar mehr als am Freitag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 97 Cent auf 38,11 Dollar.

Handelspolitik:

Ob sich die US-Handelspolitik unter Biden ändern würde, ist noch offen. Diplomaten zufolge könnte sie im jahrelangen Streit um staatliche Beihilfen für die Flugzeugbauer Boeing und Airbus die nächste Runde einläuten - mit Strafzöllen auf US-Waren im Volumen von vier Milliarden Dollar (3,37 Milliarden Euro).

Die EU wird wegen der rechtswidrigen Subventionen für den Flugzeugbauer Boeing Strafzölle auf US-Importe erheben, kündigte EU-Vizekommissionspräsident Valdis Dombrovskis jedenfalls am Montag bei einer Videokonferenz der EU-Handelsminister an. Die EU wird demnach nicht abwarten, ob der künftige US-Präsident Joe Biden einen Kurswechsel in der amerikanischen Handelspolitik einleitet. Gleichzeitig betonte Dombrovskis jedoch, dass die EU weiter bereit für Verhandlungen sei. Wenn die USA ihre Zölle wegen der Subventionen für den europäischen Flugzeugbauer Airbus zurückzögen oder aussetzten, werde dies auch die EU tun.

Es wird auch nicht mit einer Kehrtwende in der china-kritischen Politik der USA gerechnet. Entsprechend zurückhaltend war die Reaktion Chinas auf den Ausgang der US-Wahl: Einen Glückwunsch gab es aus Peking nicht, man habe den Wahlausgang zur Kenntnis genommen, hieß es nur. Chinesische Experten konnten der Niederlage Trumps dennoch Gutes abgewinnen. Mit seiner unberechenbaren und konfrontativen Politik hatte der ausgehende US-Präsident China schwer zugesetzt, meinten sie. Positiv wurde hervorgehoben, dass sich der diplomatisch erfahrene Biden anders als Trump für Multilateralismus einsetze und sich wieder Möglichkeiten der Zusammenarbeit auftäten.

Gesundheit:

Mit dem Abschied Trumps dürften auch die jahrelangen erfolglosen Bemühungen der Republikaner Geschichte sein, die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama aufzuheben. Sie brachte rund 20 Millionen Amerikanern eine Krankenversicherung, führte für die anderen aber zum Teil zu massiven Prämienerhöhungen. Biden will "Obamacare" ausweiten, vor allem für Geringverdiener und spricht diesbezüglich bereits von "Bidencare".

Steuern:

Biden trat mit dem Versprechen zur Wahl an, Bürger mit besonders hohen Einkommen und Unternehmen zur Kasse zu bitten. "Wer weniger als 400.000 Dollar (rund 342.000 Euro) pro Jahr verdient, bezahlt keinen Cent mehr", verspricht Biden. Die von Trump gesenkte Unternehmensteuer soll hingegen von 21 auf 28 Prozent angehoben werden.

Reaktion der Börsen:

Der Sieg von Joe Biden bei der US-Präsidentschaftswahl hat der DAX-Erholungsrally am Montag jedenfalls bereits neuen Auftrieb beschert. Möglichen rechtlichen Schritten der Trump-Regierung gegen das Wahlergebnis räumen Experten keine Chancen ein. Nach dem Rücksetzer am Freitag ging es für den Leitindex am Montag um 1,80 Prozent auf 12.704,48 Punkte hoch. Der MDAX der 60 mittelgroßen Werte gewann 2,35 Prozent auf 27.988,40 Zähler. Bereits in der Woche zuvor hatte das deutsche Börsenbarometer mit plus acht Prozent kräftig zugelegt.

Mit dem Sieg des Demokraten Biden weiche die Unsicherheit, kommentierte ein Marktstratege. Die Schwankungen dürften nun merklich nachlassen. Zusammen mit den Stützungsmaßnahmen der Notenbanken zur Abfederung der negativen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie könnte die Börsenrally daher nach der Wahl erst einmal weitergehen.

Auch die Wiener Börse hat am Montagvormittag deutliche Kursgewinne verzeichnet. Der österreichische Leitindex ATX zog im Frühhandel um 1,57 Prozent auf 2.187,00 Punkte an. An den europäischen Leitbörsen ging es ebenfalls deutlich aufwärts. (apa/mojo)