Die Viennale ist der Wiener Filmfeinkostladen, und zwar schon seit geraumer Zeit. Heuer stehen zwischen 24. Oktober und 6. November wieder unzählige Schmankerln aus dem Weltkino zur Begutachtung, insgesamt sind es 300 Filme aus 40 Ländern, die die Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi ausgewählt hat. Rund fünf Mal so viele hat sie für diese Auswahl gesichtet und schließlich mit ihrem Team einen Spielplan erstellt - in mühevoller Handarbeit und tagelangem Herumschieben auf der Tafel im Büro: Welcher Film passt am besten wohin?

"Für die kommende Viennale hatte ich erstmals die Zeit, die man braucht, um ein Festival zu entwickeln", sagt Sangiorgi im Gespräch. "Ich konnte mir einen Überblick verschaffen, was die Viennale-Besucher mögen und was nicht. Und welche meiner Eigenschaften als Festival-Progammiererin da dazu passen. Man sieht es in den Details, wie ich und die Viennale uns aneinander angenähert haben."


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Die Italienerin Sangiorgi, die als Nachfolgerin von Hans Hurch im Vorjahr ihr Debüt gegeben und deren Vertrag man erst kürzlich bis 2026 verlängert hatte, hat ein starkes Interesse an entlegeneren Filmemachern, die man im Mainstream kaum kennt. Sie widmet solchen Künstlern in diesem Jahr einige Monografien, etwa dem Tunesier Ala Eddine Slip, dem Franzosen Pierre Credo oder der Portugiesin Silvia das Fadas.

Viele Filme aus Südamerika

Viennale Direktorin Eva Sangiorgi vor der Wand, die alles bedeutet: Die Zusammenstellung des Spielplans ist Handarbeit und erfordert Präzision und viel Geduld. - © Katharina Sartena
Viennale Direktorin Eva Sangiorgi vor der Wand, die alles bedeutet: Die Zusammenstellung des Spielplans ist Handarbeit und erfordert Präzision und viel Geduld. - © Katharina Sartena

Ganz abgesehen davon liebt Sangiorgi auch das Kino Südamerikas; immerhin hat sie vor der Viennale das Festival Ficunam in Mexiko City gegründet und geleitet. Im Viennale-Programm finden sich Arbeiten von Federico Veiroj (Uruguay), Kleber Mendonca Filho (Brasilien), Pablo Larrain (Chile), Gustavo Fortan (Argentinien) oder Alejandro Landes (Kolumbien), um nur einige zu nennen. Ein ganzes Sonderprogramm widmet die Viennale unter dem Titel "Brasilien entflammt" dem brasilianischen Kino. Zugleich betont Sangiorgi, ihre programmatische Ausrichtung sei keineswegs ein Nischenprogramm. Deshalb sind viele Filme von den Festivals in Berlin, Cannes, Locarno und Venedig zu sehen: darunter der Locarno-Sieger "Vitalina Varela" des Portugiesen Pedro Costa, die Netflix-Produktion "The Laundromat" von Steven Soderbergh, mit Meryl Streep, oder der Cannes-Erfolg "A Hidden Life" von Terrence Malick, mit Valerie Pächter und August Diehl in einer Adaption des Falls Jägerstätter. Roy Andersson launiger neuer Film "Om det oändliga" wird ebenso das Gartenbau füllen wie Abel Ferraras "Tommaso", Marco Bellocchios "Il traditore" oder Olivier Assayas‘ "Wasp Network". Auch dabei sind die neuen Arbeiten von Elia Suleiman, Emin Alper, Bruno Dumont, Quentin Dupieux und Noah Baumbach. Letzterer steuert mit "Marriage Story" Star-Kino mit Scarlett Johansson bei - noch eine Netflix-Produktion, die in Venedig Premiere hatte.

Auch Österreich ist bei der Viennale stark vertreten. Jessica Hausner zeigt die Österreich-Premiere ihres Cannes-Films "Little Joe", Sabine Derflinger ihre Doku über Johanna Dohnal ("Die Dohnal"), Anja Salomonowitz ihr einfühlsames Künstlerporträt "Dieser Film ist ein Geschenk" über Daniel Spoerri, und das Duo Elsa Kremser und Levin Peter ihre Hunderudel-Doku "Space Dogs".

"Da das Kino immer schon gerne Verbindungen mit anderen Kunstformen eingegangen ist, wird auch diesem Umstand Rechnung getragen", sagt Sangiorgi, die die Viennale interdisziplinärer machen will. Filmemacher werden in der Viennale-Zentrale im Museumsquartier wieder zahlreich die Plattenteller drehen, über die Vielfalt der Kunst darf bei den "Aperitivi" geplaudert werden und ein Roundtable will aktuelle Tendenzen in der Filmkritik erforschen. Aber Sangiorgi will mehr: "Die Viennale wird in Zukunft stärker Kooperationen mit anderen Institutionen suchen, zum Beispiel mit der Kunsthalle ab 2020 oder auch mit den Wiener Festwochen. Das sind Projekte, die nicht direkt mit dem Kino zu tun haben, sondern den Blick weiten sollen auf das, was man Kunst nennt - und das gelingt am besten im Wechselspiel der Kunstformen."