Eva Sangiorgi in bester Viennale-Laune. - © Katharina Sartena
Eva Sangiorgi in bester Viennale-Laune. - © Katharina Sartena

Wenn man Eva Sangiorgi nach ihren Wiener Lieblingsplätzen fragt, dann könnte man durchaus überrascht sein, dass es nicht die Postkarten-Ansichten der Stadt und auch nicht die hippen Szene-Treffs der Künstler sind, die die 41jährige Italienerin aus der Emilia Romagna am liebsten besucht. Aber jemandem, der sein Leben dem Film gewidmet hat, sind die traditionsreichen Stätten der Stadt wahrscheinlich weniger wichtig als die eigenen Wirkstätten: Sangiorgi treibt sich in ihrer Eigenschaft als Viennale-Programmdirektorin am liebsten dicht im Umfeld der Filmer herum, ist oft im MuseumsQuartier unweit des Viennale-Büros anzutreffen, liebt den Naschmarkt und genießt Wien auch gern im Umfeld der Viennale-Kinos Stadtkino oder Metro.

Und auch für das größte Manko, das die Italienerin im Gegensatz zu ihrer Heimat in Wien erleben muss – nämlich die Absenz des echten italienischen Espresso – hat sich inzwischen gottlob eine Lösung gefunden. In der kleinen Kaffeebar "Wheel" in der Siebensterngasse, gleich neben dem Viennale-Büro, werden nicht nur Espresso-Maschinen verkauft, sondern auch Kaffee verkostet. "Der Kaffee dort kommt dem italienischen am nächsten", schwärmt Sangiorgi.

Schmelztiegel der unterschiedlichsten Einflüsse

Ganz abgesehen von solchen lukullischen Genüssen mag Eva Sangiorgi an Wien gerade die Diversität der Stadt: Das Wiener Schnitzel wird ihr wegen seiner fetten Panier wohl nie zur Leibspeis’, aber der "Melting Pot" aus Einflüssen an kulinarischer Vielfalt aus den ehemaligen k.u.k. Kronländern hat eine ganz eigentümliche Mischung ergeben, die Sangiorgi bemerkenswert findet, für Herrn und Frau Österreicher aber ganz normal ist: Die Knödel aus Tschechien – in Österreich perfektioniert. Das Schnitzerl aus Mailand – in Österreich perfektioniert. "Das ließe sich durch sämtliche Speisekarten so fortsetzen", sagt Sangiorgi. "Und das ist eines der Hauptargumente für Wien: Dieser Schmelztiegel der unterschiedlichsten Einflüsse und Menschenschläge ist tatsächlich gelebtes Multikulti." Eindrücke einer Nicht-Wienerin über Wien. Das sollte man mal so stehen lassen.

Passend zu diesem Eindruck serviert Sangiorgi – um im Jargon der Gastronomie zu bleiben – ihr ganz eigenes Menü, wenn es darum geht, die Wiener mit Filmkunst zu versorgen: Denn auch hier schreibt Sangiorgi die Vielgestalt und Diversität groß, zeigt Filme zwischen Arthaus und Mainstream, zwischen totalem Nischenkino und breitestem Publikumszuspruch. Das führt bei der heurigen Viennale-Ausgabe zu solch scheinbaren Diskrepanzen wie der Programmierung von Filmen wie Stephen Soderberghs üppiger Netflix-Produktion "The Laundromat" bis zu spröden Kinoerlebnissen wie jenes von "Ema" des Chilenen Pablo Larrain. "Alles ist Kino", sagt Sangiorgi, "Und dazu gehören Blockbuster ebenso wie die hohe Kunst."