Elsa Kremser

In der Hundeverbots-zone in Locarno: Elsa Kremser und Levin Peter drehten einen Film über streunende Hunde in Moskau. - © Katharina Sartena
In der Hundeverbots-zone in Locarno: Elsa Kremser und Levin Peter drehten einen Film über streunende Hunde in Moskau. - © Katharina Sartena

Es ist eine der außergewöhnlichsten filmischen Arbeiten der diesjährigen Viennale: Mit "Space Dogs" begleitet Elsa Kremser gemeinsam mit ihrem Regie-Kompagnon Levin Peter ein Rudel streunender Hunde durch das nächtliche Moskau. Weil die Hündin Laika 1957 als erstes Lebewesen in einer Raumkapsel ins All geschossen worden war und der Legende nach zurück auf die Erde kam, wo sich ihr Geist bis heute in besagten Moskauer Nächten auf ihresgleichen überträgt, ist "Space Dogs" quasi nicht nur Dokumentation, sondern auch Märchen und Hommage zugleich. Laikas Spuren folgend und aus Perspektive der Hunde gedreht, begleitet "Space Dogs" die Abenteuer ihrer Nachfahren, zweier Straßenhunde im heutigen Moskau. "Deren Geschichte handelt von inniger Gefolgschaft, unerbittlicher Brutalität und schließlich von ihrem Blick auf uns Menschen.

Verwoben mit bisher unveröffentlichtem Filmmaterial aus der Ära der sowjetischen Raumfahrt formt sich eine magische Erzählung über die Moskauer Straßenhunde", sagt Elsa Kremser, die 2016 mit Levin Peter die Produktionsfirma Raumzeitfilm gegründet hat, um die eigenen Projekte besser umsetzen zu können. "Die eigene Firma gibt uns den völligen Freiraum, den wir brauchen, um unsere Filme zu drehen", erzählt Kremser. "Wir wollen engagiertes, unabhängiges Kino machen, bei dem wir uns mit den Dimensionen von Raum und Zeit auseinandersetzen."

Kremser, 1985 in Wolfsberg geboren, studierte Film an der Uni Wien und an der Filmakademie Ludwigsburg. Ihr Diplomfilm "Nebel", bei dem sie als Produzentin und Autorin fungierte, lief 2014 bei der Berlinale. In "Space Dogs" nahm sie gemeinsam mit Levin Peter das erste Mal auf dem Regiestuhl Platz. Und serviert dem Publikum auch eine sehr heftige, überraschende und brutale Szene: Dann nämlich, wenn im Film einer der Hunde ein streunendes Kätzchen tötet und die Filmemacher dabei minutenlang zusehen. Das sorgte für Empörung bei der Premiere am Filmfestival Locarno vergangenen August, wo viele angesichts der brutalen Szene den Saal verließen. "Uns war bewusst, dass die Szene mit der Katze Reaktionen hervorrufen wird", so Kremser. "Aber wirklich zu wissen, wie die Leute reagieren werden, ist unmöglich. Für manche ist das der Einstieg in den Film gewesen, weil sie zuvor nicht richtig wussten, was das Ganze soll. Für andere war es das Ende, denn die sagten, über diese Brutalität gehe ich nicht drüber, das kann ich nicht." In jedem Fall aber ist die Hereinnahme dieser zufällig gefilmten Szene in den Film ein bewusster Akt: "Natürlich will der Film bewegen und auch aufregen", gibt Kremser zu.

Bis es soweit war, dass die Hunde das Filmemacherpaar bei ihren nächtlichen Streifzügen überhaupt mitwandern ließ, verging viel Zeit. "Es ist eine intime Sache, so einen Dokumentarfilm zu drehen und sich das Vertrauen des Hunderudels zu erarbeiten. Es hat viele Monate gedauert, ehe wir das erste Mal eine Kamera mit auf den nächtlichen Streifzug nehmen konnten", sagt Kremser. "Unser Film ist ein Blick von Menschen auf Hunde, auch, wenn wir die meiste Zeit auf Augenhöhe mit den Hunden sind. Das mussten wir sein, denn sonst könnten wir nicht ihre Gesichter sehen und lesen", so die Regisseurin. "Space Dogs" ist aber keinesfalls eine Naturdoku über Straßenköter, sondern eher das Gegenteil: "Wir wollten einen Anti-Tierfilm drehen, wo einem nicht alles erklärt wird", sagt Kremser. "Wo nicht gesagt wird, wieso der Hund jetzt eine Katze tötet. Sondern wo der Zuschauer zurückgeworfen wird auf den Umstand, die Welt selbst entdecken und verstehen zu müssen. So muss Kino sein, finde ich." (greu)