Mit einem Liebesdrama in historischem Kostüm öffnet die Viennale 2019 ihre Pforten: Regisseurin Céline Sciamma gilt als eine der großen Zukunftshoffnungen des französischen Films, und ihr "Porträt einer jungen Frau in Flammen" (regulär ab 13. Dezember im Kino) beweist ihre starke inszenatorische Kraft und ihren Ideenreichtum. Für das Liebesdrama gewann Sciamma bei den Filmfestspielen von Cannes heuer den Drehbuchpreis, man hätte ihr aber auch mehr zugetraut, sogar die Goldene Palme.

Sciammas vierte Regiearbeit ist ihr erstes historisches Drama, und sie nähert sich darin dem späten 18. Jahrhundert an. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) wird 1770 von einer verwitweten Landadligen (Valeria Golino) an der bretonischen Küste mit einem Porträt ihrer Tochter Héloïse (Adèle Haenel) beauftragt, das einem potenziellen Lebenspartner sozusagen als "Bewerbungsfoto" dienen soll. Héloïse hat allerdings keine Lust aufs Heiraten, was Mariannes Aufgabe erschwert. Sie gibt sich als Gesellschaftsdame für die renitente junge Frau aus, das Gemälde muss sie aus ihrer Erinnerung malen. Langsam wächst zwischen den eindringlichen Blicken eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Céline Sciamma (r.) mit ihrem Drehbuchpreis und Schauspielerin Adèle Haenel in Cannes. - © afp/Laurent Emmanuel
Céline Sciamma (r.) mit ihrem Drehbuchpreis und Schauspielerin Adèle Haenel in Cannes. - © afp/Laurent Emmanuel

"Wiener Zeitung": Die Wahrnehmung von Menschen steht stets im Zentrum Ihrer Arbeiten. Wieso interessiert Sie das so?

Céline Sciamma: Das Kino an sich ist mehr Schein als Sein. Und die Menschen, die andere beobachten, stehen immer im Mittelpunkt meiner Filme, zugleich schauen wir als Publikum auf diese Menschen, wie sie andere beobachten: Ein Ringelspiel der Blicke, könnte man sagen, ein Reigen. Dabei lege ich Wert darauf, dass jeder Film einen ganz selbständigen, neuen Blick auf die Figuren und die Handlung entwickelt. Das wirkt vielleicht experimentell, aber ich sehe es mehr als eine individuelle Stimme für jedes Projekt.

In Cannes hatte man Sie für den Film mit Lob überhäuft. Schmeichelt Ihnen das?

Natürlich! Es ist der weltweit wichtigste Platz für das Kino. Beim Festival in Cannes tut man zwei Wochen lang so, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als das Kino. Und in diesem Kontext freut es mich sehr, wenn mein Film gut aufgenommen wird.

Was stand am Anfang dieser filmischen Arbeit?

Ich ging von verschiedenen Bedürfnissen aus, über die ich einen Film machen wollte. Dieser Film ist sehr lange in mir gereift, bevor ich ihn überhaupt erst zu Papier bringen konnte. Nur den Titel "Porträt einer jungen Frau in Flammen", den gab es schon sehr früh. Das war für mich wie ein Leitfaden für den Film. Inhaltlich wollte ich von einer Künstlerin erzählen, und mir kam sofort in den Sinn, eine Malerin zu porträtieren. Das späte 18. Jahrhundert war eine fruchtbare Zeit für Malerinnen, sie hatten damals große Erfolge, waren geachtet, wurden später aber aus der Kunstgeschichte regelrecht ausradiert. Das hat mich wahnsinnig wütend gemacht, als ich das recherchiert hatte. All diese Bilder, die man uns vorenthalten hat! Nicht nur die Erkenntnis, wie die Kunstgeschichte sie in die Unsichtbarkeit zwang, sondern auch die Konsequenzen daraus ärgerten mich: Wenn ich mir diese Bilder ansehe, verstören sie mich und bewegen mich, weil ich sie mein ganzes Leben lang vermissen musste. Deshalb habe ich diese Geschichte erzählt: um diese vergessenen Frauen sichtbar zu machen.