Bis zu diesem Montagvormittag war sie noch "sehr, sehr nervös", gesteht Viennale-Geschäftsführerin Eva Rotter. "Wir wussten ja nicht, welche neuen Corona-Maßnahmen die Bundesregierung verordnen würde." Nach der Bekanntgabe der Verschärfungen, die mit Freitag Mitternacht in Kraft treten werden, konnte das gesamte Viennale-Team jedenfalls vorsichtig aufatmen: Professionelle Veranstaltungen, die Indoor mit zugewiesenen Sitzplätzen stattfinden, treffen die neuen Regeln zu Zusammenkünften kaum. "Die einzig wirkliche Veränderung betrifft die Maskenpflicht: Die Maske muss nun während der gesamten Filmvorführung getragen werden und nicht nur bis zum Sitzplatz", so Rotter. Eine Einschränkung, mit der man leben kann, denn auch das Mitte September zu Ende gegangene Filmfestival von Venedig befolgte diese Regelung, und die Maske zwei Stunden aufzuhaben, ist zwar eine Herausforderung, aber machbar.

"Wir werden im Saal auch kontrollieren, ob sich die Besucher daran halten", so Rotter, die nicht nur deshalb heuer ihr Personal kräftig aufstocken musste. Von Saal-Wächtern über die Platzanweiser bis hin zum stark aufgestockten Reinigungspersonal (Rotter: "Die Säle und die Toiletten müssen nach jeder Vorstellung gereinigt und desinfiziert werden") reichen die Investitionen, die sich auch im Budget der Filmschau niedergeschlagen haben. "Wir mussten viel Geld in die Hand nehmen, um diese so außergewöhnliche Viennale möglich zu machen", sagt Rotter. Und das bei gleichzeitig stark reduzierten Einnahmen, da die Kinos ja nur knapp mehr als die Hälfte ihrer Sitzplätze belegen dürfen, wegen der Corona-Abstandsregelungen.

Kein soziales Event

Die beiden Viennale-Evas: Direktorin Eva Sangiorgi (links) und Geschäftsführerin Eva Rotter trotzen dem Coronavirus. - © Viennale
Die beiden Viennale-Evas: Direktorin Eva Sangiorgi (links) und Geschäftsführerin Eva Rotter trotzen dem Coronavirus. - © Viennale

Die Viennale, sie war bislang immer auch ein soziales Event, bei dem Filmgäste und Journalisten aus der halben Welt nächtelang in Wiener Beisln und Bars über das Kino lachten, stritten, debattierten. Dass diese Komponente heuer wegfallen wird, ist bitter für die Veranstalter, denn: "Die Viennale ist ein Ort der Begegnung, aber in diesem Jahr müssen wir uns ausschließlich auf die Filme konzentrieren", erläutert Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi ihren Zugang. "Es ist schade, dass wir viele eingeladene Regisseure und Filmschaffende dieses Jahr nicht vor Ort empfangen und mit ihnen über ihre Werke sprechen können. In manchen Fällen werden wir versuchen, sie via Internet live zu Publikumsgesprächen zuzuschalten, aber es ist nun einmal nicht dasselbe", so Sangiorgi.

Ist eine Kulturveranstaltung in der Größenordnung der Viennale denn dann überhaupt sinnvoll, wenn man sie mit derart vielen Abstrichen durchführen muss? Oder wäre es in diesem Fall nicht vielleicht besser gewesen, man hätte die Schau auf wärmere Monate verschoben oder gleich gänzlich ausfallen lassen, so wie das auch zahlreiche andere Filmfestivals beschlossen hatten, darunter das prominenteste der Welt, jenes von Cannes, das im Mai ersatzlos gestrichen wurde?

Sangiorgi und Rotter widersprechen dem vehement: "Ich wollte die Viennale unbedingt als ein Präsenz-Festival veranstalten, das stand für mich immer fest. Eine Absage oder eine Verlagerung ins Internet hätte ich nicht gutgeheißen", sagt Sangiorgi. Und bekennt sich zudem zu einem gewissen Fatalismus, den auch Eva Rotter teilt. "Jetzt haben wir uns bestmöglich auf das Festival vorbereitet, haben alles getan, um ein möglichst sicheres Festival zu veranstalten, haben ausgeklügelte Pläne zum Saaleinlass und zur Belüftung ausgearbeitet und sind auch vom Team her motiviert. Und wenn das Festival in letzter Minute abgesagt werden müsste, dann ist es eben so."

Das Team wird laufend getestet, und bei Filmgästen bezahlt und organisiert die Viennale ebenfalls Corona-Testungen, sofern diese bei der Rückkehr in das jeweilige Heimatland erforderlich sind. Die Viennale scharrt also in den Startlöchern, und auch die Wiener Stadtpolitik, die einen beträchtlichen Teil des Budgets der Viennale bereitstellt, steht hinter den Ambitionen. Die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler ließ daran bei ihrem Auftritt bei der Viennale-Programmpräsentation jedenfalls keinen Zweifel: "Die Viennale jetzt in dieser Krise zu veranstalten, ist ein sehr wichtiges Signal für die Kulturszene, dass es möglich ist, weiterhin Kultur anzubieten", sagte sie. Außerdem will die Viennale auf diese Weise auch der ohnehin angeschlagenen Kino-Branche damit einen Dienst erweisen: Nämlich zeigen, dass ein Besuch im Kino sicher ist, wenn alle Maßnahmen eingehalten werden.

Es gibt noch Karten

Was das diesjährige Programmangebot angeht, so merkt man die Corona-Krise nur bedingt. Zuerst, weil der seit vergangenen Samstag laufenden Kartenvorverkauf (etwa auf www.viennale.at) laut Eva Rotter "sehr zufriedenstellend läuft". Was aber nicht heißt, dass es keine Karten mehr gibt. "Es gibt ausreichend Tickets", so Rotter. Das liegt vor allem daran, dass man pro Film bis zu sechs statt der üblichen zwei Vorstellungen programmiert hat - auch in neuen Viennale-Kinos wie dem Filmcasino, dem Votiv oder dem Blickle Kino.

Zu den Höhepunkten der Filmschau gehören etliche Filme, die Eva Sangiorgi von den Filmfestivals Berlinale und Venedig mitgebracht hat. Zur Eröffnung gibt’s italienische Filmkost: Das Biopic "Miss Marx" von Susanna Nicchiarelli wird gleichzeitig in allen zehn der Viennale heuer zur Verfügung stehenden Kinos gezeigt. Der Film erzählt (auf Englisch) über die jüngste Tochter von Karl Marx, die nach dessen Tod sein Werk als Arbeiterführerin und frühe Feministin fortsetzte.

Mit "Nomadland" von Chloe Zhao holt man den Venedig-Sieger nach Wien, mit "Été 85" den neuen Film von François Ozon, der eigentlich in Cannes hätte laufen sollen. Ein Höhepunkt ist Andrej Konchalovskys "Dear Comrades", ein schwarz-weißes Gemälde des korrupten Kommunismus zu UdSSR-Zeiten. Um das Massaker von Srebrenica dreht sich Jasmila Zbanics "Quo vadis, Aida?", vielversprechende österreichische Arbeiten stehen außerdem von Ludwig Wüst, Evi Romen oder Tizza Covi und Rainer Frimmel auf dem Programm. Das Weltkino ist präsent mit den aktuellen Filmen von Lav Diaz, Miranda July, Frederick Wiseman, Abel Ferrara, Kelly Reichardt oder Thomas Vinterberg.

Wenn die Viennale also am Donnerstagabend im Gartenbaukino beginnt, dann wird es zwar den traditionellen Eröffnungsempfang im Rathaus nicht geben, und auch vor dem Kino soll sich das Gedränge in Grenzen halten. Dafür sollen eigens auf den Karten aufgedruckte, unterschiedliche Saalzugänge sorgen, die Kartenausgabe erfolgt im Freien, die Liebenbergergasse neben dem Gartenbau wird für die Dauer der Veranstaltung gesperrt und zur Fußgängerzone, damit sich die Besucher luftiger verteilen. "Wir sind gut vorbereitet", sagt Eva Rotter. Nachsatz: "Es wird allerdings nur funktionieren, wenn auch die Leute mitmachen und sich an die Regeln halten."