Aida (Jasna Duricic) hat einen gefährlichen Beruf: Weil sie mehrere Sprachen spricht, ist sie als Dolmetscherin gerade in Krisen- und Kriegszeiten gefragt, aber auch gefährdet. Menschen, die zwei Sprachen sprechen, sind schnell auch verdächtig - vor allem, weil sie steuern können, wie sie übersetzen und was gegebenenfalls unter den Tisch fällt.

"Quo Vadis, Aida?" der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic (Goldener Bär für "Grbavica", 2006) bildete den Auftakt zum Wettbewerb der 77. Filmfestspiele von Venedig Anfang September und steht nun auch auf dem Viennale-Spielplan. Der Film ist eine österreichische Koproduktion (mit Coop99). Das Thema: Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 mehr als 8.000 Bosnier ermordet wurden. Zbanic zeichnet diese Ereignisse von ihrem Anbeginn bis zu den drastischsten Momenten nach und lässt ihre Hauptfigur Aida inmitten des Chaos jener Tage zusammen mit ihrer Familie Schutz bei den niederländischen UN-Truppen suchen, zusammen mit hunderten anderen Einwohnern Srebrenicas. Doch die Holländer sind mit der Situation heillos überfordert, sie entgleitet ihnen zusehends.

Jasmila Zbanic beim Interview in Venedig. - © Katharina Sartena
Jasmila Zbanic beim Interview in Venedig. - © Katharina Sartena

Zbanics Drama ist hautnah am Geschehen, es fängt das Leid und die Tortur dieser Menschen ein und kommt einer überaus akkuraten Aufarbeitung der größten Kriegstragödie dieses Landes gleich. Eine tonnenschwere Last, die Zbanic kompakt und zugleich in vielen Details schildert; man merkt dem Film an, wie sehr die Regisseurin auch persönlich an einer Aufarbeitung dieses Kriegsdramas interessiert gewesen ist.

"Wiener Zeitung": Frau Zbanic, es war Ihnen spürbar ein Anliegen, das Massaker von Srebrenica filmisch aufzuarbeiten.

Jasmila Zbanic:Sie haben recht, das war mir ungemein wichtig! Persönlich ist Srebrenica mir sehr nahe, weil ich den Krieg von 1992 bis 1995 in Sarajevo verbracht habe, in einer Stadt, die ebenfalls belagert wurde, und wir hätten genauso enden können wie Srebrenica. Ich habe viel gelesen und vielen Frauen und ihren Geschichten zugehört über ihre Söhne, Gatten, Brüder und Väter, die von den Vereinten Nationen verlassen und von der Armee der bosnischen Serben gefangen genommen wurden. Diese Geschichten, die jeden Tag in den Medien erschienen, haben mich emotional sehr beeinflusst. Tatsache ist, dass auch heute noch, nach 25 Jahren, 1.700 Menschen vermisst werden. Die Geschichte von Srebrenica ist ein Drama, das mich als Filmemacherin völlig vereinnahmt hat.

Aida muss übersetzen, was die Männer um sie herum sagen. Warum erzählen Sie die Geschichte aus einer weiblichen Perspektive?

Aida ist eine Figur, die sich zwischen zwei Welten befindet: Sie ist Bosnierin, ihre Familie befindet sich in der gleichen Situation wie 30.000 andere Einwohner von Srebrenica, aber gleichzeitig arbeitet sie für die Vereinten Nationen, und das macht ihre Position mehrdeutig. Sie glaubt an die UNO. Sie glaubt, dass die UN-Basis ein sicherer Ort für ihre Familie ist, und sie glaubt, dass sie bestimmte Privilegien hat, weil sie für die UNO arbeitet. Der Film schildert ihre Reise in einer Zeit, in der ringsherum alles zusammenbricht. Frauen haben den Krieg in einem so geringen Prozentsatz geplant, organisiert oder durchgeführt, dass wir durchaus sagen können, dass ein Krieg ein rein männliches Spiel ist und Filme über den Krieg meistens von Männern gemacht werden. In unserem Film zeigen wir bewusst die weibliche Perspektive, weil es schon genug Filme über den Krieg aus männlicher Sicht gibt.

Die Bilanz dieses Kriegsverbrechens ist schockierend: Insgesamt 8.000 Menschen wurden hingerichtet.

Srebrenica ist nur 40 Flugminuten von Wien entfernt, und es ist beängstigend, dass ein solcher Völkermord direkt vor europäischen Augen stattgefunden hat - nachdem wir alle millionenfach die Parole "Nie wieder!" wiederholt hatten. Für mich ist das der zentrale Grund für diesen Film.

Sie haben "Quo Vadis, Aida" wieder mit der Wiener Produktionsfirma Coop99 koproduziert. Was macht den Erfolg dieser Zusammenarbeit aus?

Es ist einfach wunderbar, mit den Menschen von Coop99 zu arbeiten, wir haben schon meinen Film "Grbavica" zusammen gemacht. Sie sind offen, kreativ und haben ein Gespür für gute Stoffe. Ich bin wirklich begeistert von dieser Zusammenarbeit.