Peter Handke mit Regisseurin Corinna Belz. - © Stadtkino
Peter Handke mit Regisseurin Corinna Belz. - © Stadtkino

Viennale. Sich mit einer Kunstform an eine andere anzunähern, das ist per se schon eine schwierige Aufgabe. Von Film und Literatur hat man oft fruchtbare, aber nicht immer gelungene Verquickungen gesehen. Wenn dann noch dazu der Literat selbst im Mittelpunkt einer filmischen Darreichungsform steht, dann droht die Chronisten-Pflicht des Filmers an der starken Persönlichkeit des Autors zu scheitern.

Grenzgänge wie diesen kennt Filmemacherin Corinna Belz zur Genüge. Vor einigen Jahren versuchte sie sich an einem Porträt des Malers Gerhard Richter, nun folgt das ungleich schwierigere Unterfangen mit Peter Handke. Der Film "Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte", den die Viennale am Sonntag zeigt, ist allerdings Glücksfall und Experiment zugleich. Belz hat den Schriftsteller über vier Jahre hinweg immer wieder besucht, und dabei gelingen ihr flüchtige und doch intensive Einblicke in die Gedankenwelt dieses philosophischen Schriftstellers und in seine Weltsicht, die von den ganz großen Fragen der Menschheit durchdrungen ist, zum Beispiel von der Frage: Wie sollen wir leben?

Schriftsteller ohne Linearität

"Ich habe Handke dutzende Male besucht, konnte aber meist nicht länger als eineinhalb Tage drehen. Mein Film über Gerhard Richter hatte eine lineare Struktur, denn da stand am Anfang eine leere Leinwand und am Ende war das Bild fertig. Das war vergleichsweise einfach. Bei Handke war mir klar, dass das nicht so leicht werden würde. Ich hatte sehr viel unterschiedliches Material, das gar keine Chronologie zugelassen hätte. Im Schneideraum bin ich dann hin- und hergesprungen zwischen den einzelnen Besuchen und habe gar nicht erst versucht, eine Linearität herzustellen."

Wesentlich für Corinna Belz war bei den Dreharbeiten, dass sie so wenig wie möglich eingriff in das, was Handke vor ihrer Kamera tut. "Man konnte mit ihm nichts so richtig inszenieren. Das lässt er nicht zu. Man musste einfach mitdrehen, was er einem anbot", so die Regisseurin. "Das ergibt auch eine ganz andere Form von filmischer Annäherung als ein bloßes Gespräch. Seine Rituale, etwa das Laufen durch den Wald, das Pilzesammeln, das gibt seinem Tag eine gewisse Struktur, die sich dann auch auf seine schriftstellerische Tätigkeit auswirkt. Das gibt einen Rhythmus und ein Tempo vor."

Handkes Entschleunigung

Und was genau dieses Tempo angeht, hat Belz rasch die Bekanntschaft mit Handkes intensiver Entschleunigung gemacht. "Immer mehr kristallisierte sich die Frage heraus, die Handke umtreibt, wenn er fragt: Wie sollen wir denn leben? Das ist nicht nur unter den heutigen weltpolitischen Verhältnissen sehr aktuell, sondern auch vor dem Hintergrund der digitalen Welt. All diese Zwänge, die unser Leben beschleunigen. Das ist in Handkes Literatur immer mit drin. Von ‚Angst des Tormanns beim Elfmeter‘ bis zu ‚Über die Dörfer‘. Handke ist ein ganz genauer Beobachter, vermisst sein Umfeld. Mit ihm entdeckt man beim Lesen einen ganz besonderen Realitätsbezug, wenn man es zulässt."

Das Wichtigste für den Schriftsteller sei es, Zeit zu haben, so Belz. Wittgenstein sei der Meinung gewesen, für das Lesen eines Buches sollte der Leser mindestens so lange brauchen wie der Autor zum Schreiben. "Handke findet: Das elfte Gebot sollte heißen: Du sollst Zeit haben", erläutert Belz. "Bei den Dreharbeiten merkte ich, wie wenig er sich beeinflussen lässt von dem digitalen Overkill, der uns alle durchs Leben hetzt. Das ist ihm völlig egal. Und das macht ihn sehr sympathisch."