Wollen Sie das Viennale-Publikum denn provozieren?

Nein. Höchstens in dem Sinne, dass ich die Leute dazu animieren will, sich den Filmen offen zu nähern, ohne schon im Vorhinein die Unterscheidung zwischen Spielfilm und Doku zu machen. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass Spielfilme oft einen größeren Publikums-Appeal haben als Dokumentationen. Allerdings ist es manchmal gar nicht so leicht, zwischen diesen Genres zu unterscheiden: Ist ein neuer Godard zum Beispiel ein Spielfilm oder eine Dokumentation?

Wählen Sie alle Filme, die bei der Viennale gezeigt werden, persönlich aus?

Ich liebe die Dynamik und die Überraschungen bei Diskussionen über die Filmauswahl - aber letztlich bin ich es, die das Festival programmiert. Es gibt aber auch einige Konsulenten, die uns Empfehlungen von außen geben. Ich sehe nicht nur alle Filme, die wir beim Festival zeigen, sondern auch noch ein paar mehr. An einem langen Wochenend-Tag kann es da schon mal vorkommen, dass ich mir sechs Filme anschaue. Wobei ich aber nicht alle Filme bis zum Ende sehe. Sonst wäre das Pensum nicht zu bewältigen.

Sie haben jetzt als Italienerin die Leitung der Viennale übernommen. Ihr Landsmann Carlo Chatrian geht von Locarno zur Berlinale. Und auch das Festival Venedig hat mit Alberto Barbera einen italienischen Chef. Worüber sprechen Sie, wenn Sie einander treffen? Besitzen Italiener eine besondere Begabung dafür, große Filmfestivals zu leiten?

Wenn wir uns treffen, reden wir gern über Filme, die eine Festivalpremiere verdienen würden. Und mit Carlo Chatrian spreche ich neuerdings gern über unsere Fortschritte in der deutschen Sprache. Aber natürlich ist es ein Zufall, dass momentan so viele Italiener Filmfestivals leiten - ein witziger Zufall.

Welche Bedeutung haben Streaming-Portale wie Netflix heute für ein Filmfestival?

Studios wie Netflix oder Amazon sind ein wichtiger Faktor in der Filmproduktion geworden, das ist eine Tatsache. Und auch wenn ihre Filme in der Regel nicht im Kino laufen, scheinen die Portale doch interessiert daran zu sein, ihre Produktionen bei Festivals vorzustellen. Schließlich entwickeln Filme eine ganz andere Power, wenn sie bei dem Gemeinschaftserlebnis des Kinos präsentiert werden. Es gibt Filme aus dieser Schiene wie etwas "Roma" von Alfonso Cuarón, an denen ich sehr interessiert bin.

Welche Position werden österreichische Filme bei Ihrer ersten Viennale einnehmen?

Die Viennale ist ein internationales Festival, aber natürlich werden Filme aus Österreich gut im Programm vertreten sein. Wir geben diesen Filmen viel Aufmerksamkeit und Respekt. Wenn ich österreichische Filme anschaue, brauche ich allerdings noch untertitelte Versionen, um die Dialoge zu verstehen.