Wien. Gutmütig blickt der Mann zur Angeklagten, seiner Ex-Frau. Vom Geschehen überwältigt, den Kopf zu Boden wendend, beginnt sie zu weinen. "Ich bin kein guada Redner", fängt der Mann an. Er kämpft um die richtigen Worte, immer nur kurze Sätze hervorbringend. "Sie ist a guade Frau. Auch wenn sie das gemacht hat", sagt er dann. Eine Geschworene ist gerührt und lächelt, Zuschauer schluchzen.

Viele Tränen fließen an diesem Mittwoch in Saal 106 des Wiener Straflandesgerichts. Wegen versuchten Mordes muss sich die 59-jährige Angeklagte verantworten. Sie hat ihrem Ex-Mann am 12. November 2018 ein Messer in den Rücken gerammt. Die Frau gesteht zwar die Attacke, aber: "Ich wollte ihn nicht töten. Ich wollte ihn nur verletzen."

Das Paar war knapp 30 Jahre zusammen und mehr als 20 Jahre verheiratet. Ihre Stieftochter zog die Angeklagte wie ihre eigene Tochter auf. "Von meiner Seite hat es nie Probleme gegeben", meint sie. "Vielleicht war es eine einseitige Liebe", fügt sie hinzu. "Ich liebe ihn heute noch."

"Traurig, einsam, wütend"

2017 erwischte sie ihn in der Wohnung in flagranti mit einer jüngeren Frau. Die Ehe zerbrach und wurde 2018 auf Wunsch des Mannes einvernehmlich geschieden. "Traurig, einsam, wütend", sei sie gewesen, schildert die Frau. Sie hatte einst ein Alkoholproblem gehabt, dieses aber nach einer Therapie in Kalksburg in den Griff bekommen. Nach der Scheidung trank sie wieder.

Trotz der schwierigen Trennung blieben die Ex-Partner in Kontakt. So kam der Mann auch am 12. November 2018 in ihrer Wohnung vorbei, um die Kaffeemaschine zu entkalken. "Ich konnte das nicht", sagt sie. Nachdem er gegangen war, "kamen die Emotionen wieder hoch". Eine Weißweinflasche wurde geöffnet.

Die angeheiterte Frau beschloss, ihren Ex-Partner aufzusuchen, und steckte ein Küchenmesser ein. "Ich wollte ihm nur drohen", meint sie. Sie machte sich zu seiner Wohnung auf, im Stiegenhaus trafen die beiden aufeinander. Sie stritten. Der Mann merkte, dass seine Ex betrunken war, als er sich von ihr abwendete, stach sie ihm in den Rücken.

"Wenn man jemanden ein Messer in den Rücken sticht, hat das aber nichts mit drohen zu tun", wirft die Richterin ein. Die Angeklagte weiß nicht, was sie darauf sagen soll. "War Ihnen klar, dass man bei so etwas sterben kann?" - "Ja", so die Frau. "Das war die Eifersucht. Die Ohnmacht."

Der Mann verließ den Tatort und verständigte die Rettung. Es habe sich um keine "sehr imposante Verletzung" gehandelt, meint Gerichtsmediziner Christian Reiter. Die Wunde musste nicht einmal genäht werden.

"Die Kraft meiner Ex-Frau ist beträchtlich. Wenn sie mich ermorden hätte wollen, hätte sie das auch können", erklärt der Mann. Er hatte zunächst angegeben, dass ihn ein Fremder auf der Straße angegriffen habe, um sie zu decken. Erst nachdem sie von selbst bei der Polizei die Attacke gestanden hatte, belastete er sie.

"Ich versteh’s"

Die Frau war nach der Attacke zur Polizei gegangen. Dort erklärte sie, dass sie ihren Ex-Mann und seine Freundin ermorden habe wollen. Daran könne sie sich nicht mehr erinnern, die Situation sei ihr damals zu viel gewesen, sagt sie nun in der Verhandlung.

"Sie wollte mir nicht wehtun. Eifersucht. Logisch. Ich versteh’s", meint der Mann. Er wendet sich zum Schluss direkt an die Laienrichter. "Sehr geehrte Geschworene", sagt er mit brüchiger Stimme und stockt. "Sie werden zu einem Urteil kommen. Ich hoffe, dass es mild ausfällt. Danke."

Während einer Verhandlungspause wird es erneut emotional. Die Schwester und andere Bekannte der Frau sind anwesend, schluchzend dürfen sie ihr um den Hals fallen. Auch der Justizwachebeamte redet wohlwollend auf die Frau ein. Die halbe Zuschauerbank schwimmt in Tränen.

Letztlich wird die Frau mit 5:3 Stimmen vom Mordversuch freigesprochen und wegen Körperverletzung zu zwei Jahren Haft, davon acht Monate unbedingt, verurteilt. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. Nach dem Absitzen der Strafe will die Frau zu ihrer Schwester in die Steiermark ziehen - auch, um Abstand zu ihrem Ex-Mann zu gewinnen.