Wien. "Sie war eine sehr, sehr gute Frau", sagt der Angeklagte, um sich wenig später zu beschweren: "Sie hat mich ständig beschimpft." Nichts habe er ihr antun wollen, versichert er. Davor hatte er zugegeben, sie einmal bedroht zu haben: "Wenn wir keinen Sex haben, bringe ich dich um."

Widersprüchliche Aussagen tätigte ein Mann, der am Dienstag am Wiener Straflandesgericht wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Der Schuldspruch der Geschworenen fiel einstimmig aus. "Die Strafe ist zu hoch", sagte der Angeklagte.Er meldete Rechtsmittel an, das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Der Mann soll seine Verlobte am 8. September 2018 in ihrer Wohnung in der Leopoldstadt erstochen haben. Erst wenige Wochen davor war er bei ihr eingezogen. Zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Tat hätte er sich in Haft befinden müssen.

Der Iraker, der 2004 nach Österreich gekommen war, wurde dreimal rechtskräftig verurteilt. 2010 wegen schwerer Erpressung und 2016 wegen Schlepperei zu teilbedingten Haftstrafen. Es folgte eine neunmonatige und unbedingte Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt im Jahr 2017. Für diese Strafe wurde ihm im Jänner 2018 die Aufforderung zum Strafantritt zugestellt.

Daraufhin beantragte er einen Strafaufschub. Er sei depressiv, leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung und sei daher nicht vollzugstauglich, gab der Mann an. Die Justiz holte ein psychiatrisches Gutachten ein, das ihm Vollzugstauglichkeit bescheinigte. Der 40-Jährige beschwerte sie beim Oberlandesgericht Wien, das im Juli 2018 den Strafaufschub endgültig ablehnte. Der Mann trat die Strafe weiterhin nicht an und tauchte unter, in der Wohnung der später Getöteten.

"Im Andenken an diese Frau"

"Ich war sehr verliebt in sie", sagte er am Dienstag vor Gericht. Man sei nach islamischen Recht verlobt gewesen. Stolz zog er einen Ring von seinem Finger und hielt ihn hoch. "Ich habe immer noch meinen Verlobungsring - im Andenken an diese Frau", sagte er. Laut der Anklage, die sich auf Aussagen von Nachbarn stützt, kam es zwischen dem Paar immer wieder zu heftigen Streitigkeiten. Die Frau soll sich öfters beschwert haben, dass der Mann arbeitslos war, in ihrer Wohnung Cannabis rauchte und reichlich Alkohol trank. Bereits im August 2018 soll er mit einem Messer auf sie losgegangen sein, die Frau habe aber zu Nachbarn fliehen können. Daran könne er sich nicht erinnern, meinte der Mann.

Seine Verlobte habe ihn aber oft beleidigt, erklärte er. "Du hast keine Haare auf der Brust und deshalb bist du kein Mann!", habe sie ihn etwa beschimpft. Statt mit ihm habe sie immer wieder mit anderen Männern geschlafen. Auch am 8. September habe sie einen anderen Mann in ihre Wohnung lassen wollen, sagte er.

"Ich werde dich umbringen"

Als er nicht gegangen sei, habe seine Frau ihn aus dem Fenster stoßen wollen, nur durch Glück sei er nicht rausgeflogen. "Ich werde dich umbringen, weil du kein Mann bist!", habe sie ihn angeschrien. Mit einem Messer habe sie versucht, auf ihn einzustechen, doch habe er sich verteidigt. Erst da habe er selbst zum Messer gegriffen, erklärte er. Diese Aussage war neu - bei einer Befragung im Ermittlungsverfahren hatte er etwa angegeben, dass sich die Frau selbst getötet hatte. Zudem hatte ein Nachbar vom Stiegenhaus aus gesehen, wie der bewaffnete Angeklagte bei geöffneter Wohnungstür auf die Frau, die um Hilfe schrie, losging.

An das Einstechen und ihre Hilferufe, an all das könne er sich nicht erinnern, erklärte der Angeklagte. "Ich habe schwarz gesehen. Ich war blind", meinte er. "Blind vor Wut?", fragte die vorsitzende Richterin. Seine Antwort: "Ich habe so etwas nie gemacht. Ich hatte deutsche, österreichische und italienische Frauen. Und da ist alles gut gegangen."

Staatsanwältin Julia Koffler-Pock bezeichnete das Geschehen als "eine der vielen Beziehungstaten, bei der wieder einmal die Frau die Beziehung beenden will, der Mann das wieder einmal nicht akzeptiert und der Mann die Frau brutal hinrichtet".