Zeugen beschreiben ihn als ruhig, unauffällig, und selbst bei seiner Messerattacke im SMZ Süd zeigte Herr J. keine große Aufregung. Kaum hatte er am 10. Juli seinem behandelnden Arzt am Gang in den Bauch gestochen, nahm er im Warteraum Platz. Mit den Worten "Gut, gut" versuchte er die schockierten Patienten zu beruhigen, widerstandslos ließ er sich festnehmen. Der Arzt überlebte dank einer Notoperation. Zu einem Streit zwischen den beiden war es nicht gekommen, der Mediziner hatte J. jahrelang gut betreut. "Das ist ein guter Mann, ein guter Mensch", sagt J. über den Arzt.

- © apa/Hans Punz
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Mit dieser rätselhaften Messerattacke beschäftigt sich am Mittwoch ein Geschworenengericht am Wiener Straflandesgericht. Es weist den 33-jährigen J. in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ein. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

"Das ist ein schwer zu beurteilender Fall", räumt die Gerichtspsychiaterin Sigrid Rossmanith ein. Drei Mal hat sie den 33-Jährigen begutachtet. Ihr Ergebnis: J. leidet unter einer paranoiden wahnhaften Störung, aufgrund derer er zum Tatzeitpunkt zurechnungsunfähig war; seine Krankheit und eine Verkettung ungünstiger Umstände haben zu der plötzlichen, beinahe tödlichen Attacke geführt.

"Er war absolut nie aggressiv"

Der aus Sierra Leone stammende J. leidet an Herzproblemen. Nach einem Herzstillstand wurde ihm 2011 im SMZ Süd ein Herzschrittmacher eingesetzt. Halbjährig wurde er von seinem späteren Opfer kontrolliert. Bei diesen Aufeinandertreffen sei J. "absolut nie aggressiv" gewesen und ihm auch nie aufgefallen, schildert der Arzt im Zeugenstand. Zwar habe J. sich immer sehr ruhig verhalten, er habe das aber auf die Sprachbarriere - die beiden hatten sich in einer Mischung aus Deutsch und Englisch verständigt - zurückgeführt.

So verging Jahr um Jahr - bis zum 11. Mai 2019. An diesem Tag habe er in der Brust drei Schocks gespürt, daher sei er wieder einmal ins SMZ Süd gefahren, sagt der 33-Jährige. Erneut wurde er vom Arzt kontrolliert. Alles sei in Ordnung und unauffällig gewesen, der Herzschrittmacher habe mit den Schocks den Herzschritt korrigiert - ein üblicher Vorgang, erklärt der Mediziner.

Doch J. war mit dieser Routineuntersuchung nicht zufrieden. "Er war nicht wie sonst", beklagt er sich über den Arzt. Er sei falsch behandelt worden, seine E-Card habe man ihm vorenthalten, behauptet er. Auch sei er im Sitzen behandelt worden, bei den anderen Untersuchungen aber sei er immer gelegen, sagt J.