Jahrelang war Peter Seisenbacher vor seinem Prozess geflohen, nun führt ihn die Justizwache in den Gerichtssaal. Nur das Klicken der Fotoapparate ist zu hören, als ein Zuschauer, ein langjähriger Judo-Funktionär, zu applaudieren beginnt. Seisenbacher blickt ins Publikum. Mit ausgestrecktem Daumen begrüßt er seinen Unterstützer.

Selbstbewusst zeigt sich der zweifache Judo-Olympiasieger am Montag im Wiener Straflandesgericht. Der 59-Jährige bestreitet die gegen ihn gerichteten Missbrauchsvorwürfe, er sieht sich als Opfer eines Komplotts. "Ich bin nicht schuldig", sagt er.

Die Staatsanwaltschaft Wien legt Seisenbacher schweren sexuellen Missbrauch von Unmündigen zur Last. Der Judoka soll sich während seiner Trainerzeit an zwei Mädchen, die er betreute, vergangen haben. 1997 hat er laut Anklage eine damals Neunjährige bedrängt, ab 1999 kam es auch zu geschlechtlichen Handlungen, so der Vorwurf. 2004 soll Seisenbacher eine weitere Judo-Schülerin – sie war damals 13-Jahre alt – missbraucht haben.

Als versuchten Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses wertet die Staatsanwaltschaft Wien zudem einen Vorfall, der sich in einem Judo-Sommercamp 2001 zugetragen haben soll: Seisenbacher hat laut Anklage versucht, einer 16-Jährigen näherzukommen, die Jugendliche soll den Judoka aber abgewehrt haben.

Die vorgeworfenen Übergriffe sollen sich zumeist in Trainingslagern und bei Ausflügen zu Wettbewerben ereignet haben. Laut mehreren Zeugenaussagen soll Seisenbacher mehrmals mit seinen Schützlingen im selben Bett geschlafen haben.

"Malus als Prominenter"

Bereits im Dezember 2016 hätte die Hauptverhandlung beginnen sollen. Seisenbacher floh jedoch vor Prozessbeginn nach Georgien und anschließend in die Ukraine. Erst nach langem Hin und Her wurde er im September 2019 nach Österreich ausgeliefert.

Laut Verteidiger Bernhard Lehofer handelte es sich bei der Flucht um eine "Kurzschlussreaktion". Wenige Tage nach der geplanten Verhandlung sei Seisenbachers Sohn geboren worden, sein Mandant habe sich medial vorverurteilt gefühlt: "Er hat auch den Eindruck gehabt, dass es als Prominenter bei Gericht einen Malus hat."

Lehofer glaubt fest an die Unschuld seines Mandanten. Er kenne Seisenbacher seit 40 Jahren, die angeklagten Übergriffe seien dem Judoka nicht zuzutrauen. "Er hat mit den stärksten Männern der Welt gekämpft", an Frauen habe es Seisenbacher nie gemangelt, so Lehofer.

Der Angeklagte beteuert, dass er nur von den drei mutmaßlichen Opfern belastet werde: "Es gibt Hunderte, die nichts gesehen haben." Er habe mit seinen Schülern auch nie im selben Bett geschlafen. Christoph Bauer, der vorsitzende Richter des Schöffensenats, fragt Seisenbacher daher gleich zu Beginn, wie er sich die die Anschuldigungen erkläre.

"Ich habe keine Erklärungen. Ich habe Vermutungen", sagt Seisenbacher. Diese werde hoffentlich sein Anwalt im Zuge der Zeugenbefragungen darstellen. Er selbst sei nicht zuständig, "über die Psyche dieser Personen zu mutmaßen".

Im Laufe seiner Einvernahme zeigt sich Seisenbacher jedoch redseliger, die mutmaßlichen Opfer würden sich seit Jahren kennen und hätten "viel Zeit gehabt, um sich abzusprechen". "Die haben sich also gegen Sie verschworen?", fragt Richter Bauer. "Ja", sagt Seisenbacher.

"Im gesetzlichen Alter"

Weitere Details zu dieser angeblichen Verschwörung sind nicht bekannt: Die mutmaßlichen Opfer werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Öffentlich wird jedoch ein Zeuge einvernommen, einer der engsten Freunde Seisenbachers. Er hatte als einer der Ersten von den Missbrauchsvorwürfen erfahren, bei einem Treffen sprach er Seisenbacher darauf an. Bei seiner Befragung vor der Polizei gab der Zeuge noch an, dass Seisenbacher wörtlich eingeräumt habe, "mit einem Mädchen sei etwas gewesen". Allerdings sei dieses schon "im gesetzlichen Alter gewesen".

Vor Gericht erklärte der Zeuge nun allerdings, dass Seisenbacher das damals gar nicht wörtlich gesagt habe. Vielmehr habe der Judoka nur gelächelt, als er ihm von den Missbrauchsvorwürfen erzählt habe. Und dieses Lächeln habe er nun einmal so interpretiert, wie er das vor der Polizei geschildert habe, so der Zeuge. Richter Bauer macht ihm mehrmals klar, dass er diese plötzlich abgeänderte Verantwortung nicht für glaubwürdig hält.

Die Verhandlung wird am kommenden Montag fortgesetzt. Aller Voraussicht nach wird an diesem Tag auch das Urteil fallen. Seisenbacher drohen bei einem Schuldspruch bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe.