Wien. So gleich und doch so ungleich. Neun Männer sind es, die sich in diesen Tagen vor dem Straflandesgericht Wien vor einem Schöffensenat verantworten müssen. Ihnen allen legt die Staatsanwaltschaft die Verbrechen der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs einer wehrlosen Person zur Last. Sie sollen zu Silvester 2015 den stark betrunkenen Zustand einer deutschen Touristin ausgenützt haben, um sich in einer Wohnung in Wien an ihr zu vergehen.

Einheitlich mögen zwar die Tatbestände sein, die den Angeklagten vorgeworfen werden. Doch in ihrem Verhalten und ihren Aussagen unterscheiden sich die Männer gewaltig. Am ersten Verhandlungstag am Dienstag - die "Wiener Zeitung" berichtete - gestand etwa ein aufgelöster Angeklagter unter Tränen: "Ich schäme mich vor meiner Familie." Er gab zwar zu, mit der Frau geschlafen zu haben, sie habe das aber gewollt.

Ganz anders verhält sich am Donnerstag, dem zweiten Verhandlungstag, der 23-jährige Drittangeklagte. Ruhig dasitzend, unaufgeregt und in monotoner Stimmlage, schildert er, was in der inkriminierten Nacht in seinem Kopf vorging. "Warum gehen Sie in ein Zimmer, wo eine Frau leblos daliegt, die Sie nicht kennen?", fragt die vorsitzende Richterin Petra Poschalko ihn. "Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen und wollte es einmal probieren", erklärt er. Ein Freund habe ihn gefragt, ob er mit der Frau schlafen wolle: "Deswegen habe ich das gemacht." Das Gesicht der Frau habe er nicht erkannt, weil es so dunkel gewesen sei.

"Haben Sie überlegt, ob die Frau das vielleicht nicht will?" - "Wenn die Frau den Beischlaf verweigert hätte, hätte ich nicht mit ihr geschlafen." Die Frau hätte ihn umarmt und sein Gesicht zu ihrem Geschlechtsteil gezogen.

"Ich habe gehustet"

Der 27-jährige Siebtangeklagte ist emotionaler, er gestikuliert wild, wird teilweise lauter, einmal unterbricht er gar die Richterin: "Ja, ja. Warten", sagt er zu ihr. Poschalko ermahnt ihn: "Nichts warten. Sie beantworten die Fragen." Er habe die Frau nie angerührt, behauptet er. "Wie kommen dann Ihre DNS-Spuren auf den Hals und den Kopf des Opfers?", fragt Poschalko. "Ich habe gehustet oder genießt." "Haben Sie sie vielleicht geküsst?" - "Ich bin Moslem. Ich bete. Ich trinke keinen Alkohol. Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen. Von Vergewaltigung kann keine Rede sein."

Es sei mit seinem Glauben nicht vereinbar, eine Frau in eine fremde Wohnung zu bringen. Der Mitangeklagte, der ihn belastete, lüge: "Er war stark betrunken."

Ein weiterer Angeklagte lässt mit einer kryptischen Aussage aufhorchen: "Wenn die Dame arabisch gesprochen hätte, hätte ich die gesamte Verantwortung auf mich genommen", sagt der 33-Jährige. Was genau damit gemeint ist, klärt sich nicht auf. Der Mann sieht sich als Opfer einer Intrige, im Mittelpunkt einer irakischen Familienfehde.

Bei den neun Angeklagten handelt es sich um irakische Flüchtlinge. Acht von ihnen sind miteinander verwandt. Angeklagt sind etwa ein Vater und sein Sohn und zwei Brüder. Es habe im Irak familiäre Probleme gegeben, sagt der 33-Jährige. "Es geht um Länder, Erbschaftsstreitigkeiten zwischen zwei Familien". Wegen der Fehde werde er zu Unrecht belastet. "Ich war in der Wohnung, aber 23 Tage vor der Tat." Zu Silvester sei er nur am Stephansplatz gewesen und in der Innenstadt "auf und ab gegangen". Dann sei er nach Linz gefahren.

"Schlafe nur mit meiner Frau"

Nachdem seine Vernehmung eigentlich schon beendet ist und die Justizwachebeamten bereit sind, ihn wieder ins Gefangenenhaus abzuführen, erhebt sich der 33-Jährige plötzlich. "Ich will mich verteidigen", sagt er. Poschalko lässt ihn gewähren. "Ich möchte bekanntgeben, dass ich verheiratet bin und drei Kinder habe. Ich schlafe nur mit meiner Frau", gibt der Angeklagte an.

Er pausiert kurz und fügt dann hinzu: "Ich habe noch eine Freundin in Steyr." "Aja. Mit der schlafen Sie auch?" - "Das ist eine reine Freundschaft."

Wieder herrscht kurze Stille. "Ich habe noch eine Freundin in Ried", sagt der Mann dann. "Bravo. Gratulation", meint Poschalko. "Diese Freundin hat mir eine Freundin mitgebracht. Sie hat gesagt, ich soll mit ihr schlafen. Ich habe es nicht gemacht", sagt er. Danach wird er abgeführt.

Erinnerungslücken hat wiederum der Fünftangeklagte. Er half als Erster bei der Aufklärung des Sachverhalts, nachdem man die mutmaßlichen Täter ausforschte. Bei seiner gerichtlichen Vernehmung meint er, er habe bei der polizeilichen Befragung rasch zu allem "Ja" gesagt, damit die Sache schnell vorbei sei. Er habe bei der Vernehmung Schmerzen gehabt. Während er bei der Polizei noch detaillierte Angaben machte, kann er sich vor Gericht nun an vieles nicht mehr erinnern. "Ich bin psychisch krank. Ich hatte so viele Probleme im Irak."

Verhandlung vertagt

Die Verhandlung wurde auf kommenden Dienstag vertagt. An diesem Tag sollen die restlichen Beschuldigten vernommen und die auf Video aufgezeichnete Einvernahme der Frau aus dem Ermittlungsverfahren vorgespielt werden. Aus Opferschutzgründen wird währenddessen vermutlich die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Ob der Prozessplan, der die Urteilsverkündung für den 2. März vorsieht, hält, ist unklar.