Dass zwei Geschworenengerichte über denselben Angeklagten und Sachverhalt grundverschieden urteilen können, wurde am Donnerstag am Wiener Straflandesgericht deutlich. Zum zweiten Mal hatte sich ein 38-Jähriger wegen versuchten Mordes in zwei Fällen zu verantworten. Am 5. Juli 2015 soll er in Wien-Brigittenau versucht haben, Herrn A. zu erschießen. A. wurde ins Gesäß getroffen, ein unbeteiligter 13-Jähriger erlitt einen Bauchschuss. Der Bub überlebte nur dank intensiver medizinischer Betreuung.

Im ersten Rechtsgang im November 2016 – die "Wiener Zeitung" berichtete – wurde der Angeklagte von den Geschworenen einstimmig freigesprochen. Ein Irrtum, befand der Richtersenat und setzte den Wahrspruch der Geschworenen aus. Der Prozess musste wiederholt werden. Am Donnerstag ging es vor einem gänzlich neu zusammengesetzten Schwurgericht (Vorsitzende: Martina Krainz) in die zweite Runde.

Beim ersten Prozess war der Angeklagte von A. belastetet worden. A. gab an, den Angeklagten zu 70 Prozent als Täter wiederzuerkennen. Zudem hatte ihn ein unbeteiligter Zeuge bereits bei der Polizei aus 20 ihm vorgelegten Lichtbildern als Täter identifiziert. Auch vor Gericht erkannte der Zeuge den Angeklagten damals "mit Sicherheit" als Schützen wieder.

Am Donnerstag belastete zusätzlich auch der Vater – er war während des Vorfalls neben seinem angeschossenen Sohn – den Angeklagten. Er hatte bereits bei der ersten Verhandlung als Zeuge ausgesagt. Er habe sich damals in die Zuschauerreihen gesetzt und den Angeklagten genau beobachtet, gab er nun an. "Er wurde ja mehrmals aus dem Gerichtssaal rein- und rausgeführt." Es sei ihm aufgefallen, dass "Statur, Größe und Bewegungsablauf zum Täter passt". Für seinen Sohn sei es ein Schlag gewesen, dass der Angeklagte im ersten Rechtsgang freigesprochen wurde. "Er hat gefragt: 'Woran soll ich da glauben?'", schilderte der Vater.

Der Angeklagte zeigte sich nicht geständig und beschuldigte einen Bekannten der Tat. Dieser Bekannte konnte vor Gericht nicht mehr befragt werden. Er wurde am 29. September 2015 in Belgrad ermordet. Der Grund für die Schießerei dürfte eine Unterwelt-Fehde sein. Der 38-Jährige soll von Serbien nach Wien geschickt worden sein, um A. zu erschießen. A. soll bei jemanden Geldschulden gehabt und diese nicht bezahlt haben. Der Angeklagte soll A. aufgelauert haben. A. lief weg, bei der Verfolgungsjagd wurden er und der zufällig entgegenkommende Bub von Pistolenkugeln getroffen.

Beim zweiten Rechtsgang berieten sich die Geschworenen deutlich kürzer als noch beim ersten Durchlauf. Nur eine knappe Stunde brauchten sie, um ihre Entscheidung zu treffen. Hätten die Geschworenen den Angeklagten erneut freigesprochen, hätte der Richtersenat den Wahrspruch nicht erneut aussetzen können. Doch dieses Mal schenkten die Geschworenen – sie entscheiden alleine über die Schuld des Angeklagten, die Strafe setzten sie gemeinsam mit den Richtern fest - dem Angeklagten keinen Glauben. Sie verurteilten ihn zu einer zwanzigjährigen, unbedingten Freiheitsstrafe. Dem Buben wurde Schmerzengeld in Höhe von 6.930 Euro zugesprochen.

Einstimmig bejahten die Geschworenen den Mordversuch am Buben, mit sieben zu eins bejahten sie ihn im Falle von A.. Verteidiger Michael Schnarch meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an, die Staatsanwaltschaft gab keine Erklärung ab. Damit ist das Urteil nicht rechtskräftig.