Wien. Nur eine Armlänge trennt einen Mann und eine Frau, die zusammen auf der Anklagebank sitzen. Einst stand man sich nahe, man war ein Paar, zeugte einen Sohn. An diesem Freitagvormittag aber, im Gerichtssaal 105 des Wiener Straflandesgerichts, überwiegt das Misstrauen. Mehrmals schüttelt die Frau ungläubig den Kopf, als sie ihren ehemaligen Partner sprechen hört. Mit einem intensiven Blick fixiert sie ihn. Der Mann hingegen, meist blickt er zu Boden. Doch als sich der Verteidiger seiner Ex-Frau zu seinem Schlussplädoyer erhebt, wackelt auch er empört mit seinem Kopf hin und her.

Nicht nur Misstrauen und Beschuldigungen sollen die Beziehung des Paars geprägt haben, auch zu Gewalttätigkeiten soll es gekommen sein. Der Mann soll seine Ex-Partnerin über Jahre regelmäßig geschlagen und verletzt haben. Er ist deshalb wegen fortgesetzter Gewaltausübung angeklagt. Am 18. April 2016 eskalierte die Situation im gemeinsamen Haushalt. Die Frau stach mit einem Messer auf den Mann ein. Er überlebte die lebensgefährliche Verletzung.

Die Staatsanwaltschaft legt der Frau das Verbrechen der absichtlich schweren Körperverletzung zur Last. Ursprünglich wurde gegen die Frau wegen versuchten Mordes ermittelt. Vier Monate saß sie in Untersuchungshaft. Bereits beim Prozessauftakt im Jänner 2017 gestand die 28-jährige dem Schöffensenat (Vorsitz: Richter Philipp Schnabel), zugestochen zu haben. Sie habe allerdings in Notwehr gehandelt, ihr Mann habe sie zuvor am Zopf gehalten und ihr mit der Faust in den Rücken geschlagen. Sie habe nicht mehr gewusst, wie sie sich helfen solle. In die Ecke gedrängt, habe sie dann zugestochen, gab sie an.

Seine Frau sei am Tag der Messerattacke eifersüchtig und aggressiv gewesen, sagte hingegen der Mann zu Prozessbeginn. Schnurstracks sei sie mit dem Messer auf ihn zugestürmt. Am Freitag gestand der 30-jährige, dass er sich aufgrund der Provokationen seiner Ex-Frau leider zu mancher Gewaltausübung hinreißen habe lassen. Nun absolviere er eine Gewalttherapie. Am Tag des Messerstichs habe er sie aber nicht geschlagen. Der Angriff sei aus dem Nichts gekommen. "Sie war voller Hass erfüllt. Sie wollte mich damals vernichten." Er legte dem Gericht mehrere SMS vor, in dem die Frau ihn einige Tage vor der Tat wüst beschimpfte.

Eine Polizistin, welche die Frau in der Nacht des Messerstichs unbekleidet visitierte, gab als Zeugin an, dass der Rücken der Frau mit Verletzungen, einem "riesengroßen, vielfarbigen Fleck" übersehen gewesen sei. Aufgrund der unterschiedlichen Farben der Flecken habe sie feststellen können, dass es sich sowohl um alte als auch neue Verletzungen gehandelt habe, so die Polizistin.