"Hobbypsychologische Kentnisse" unterstellte Verteidiger Rudolf Mayer (Bild) dem Privatbeteiligtenvertreter Wolfgang Renzl. - © apa/Georg Hochmuth
"Hobbypsychologische Kentnisse" unterstellte Verteidiger Rudolf Mayer (Bild) dem Privatbeteiligtenvertreter Wolfgang Renzl. - © apa/Georg Hochmuth

Korneuburg. Mit ungewöhnlichen Lobesworten und einer Intimfeindschaft endete der Mordprozess gegen einen 45-jährigen Wiener. Dem Angeklagten war vorgeworfen worden, dass er seinen Stiefbruder mit einem gezielten Kopfschuss in seiner Wohnung in Wien-Währing ermordet habe. Der Schuss habe sich unabsichtlich gelöst, als er seinem Bruder seine Waffe zeigte, erklärte hingegen der Angeklagte. Er bekannte sich der fahrlässigen Tötung schuldig. Am Mittwoch hatte er sich vor einem Geschworenengericht des Landesgerichts Korneuburg zu verantworten.

"Sie müssen sich sicher sein. Wenn Sie Zweifel haben, müssen Sie ihn wegen der für ihn günstigeren Straftat schuldig sprechen", sagte Staatsanwältin Gudrun Bischof in ihrem Schlussplädoyer zu den Geschworenen. Die acht Laienrichter hatten alleine über die Schuld des Angeklagten zu entscheiden. Aufgrund der Ergebnisse des Beweisverfahrens distanzierte sich Bischof von ihrer Mordanklage. So habe dieses ergeben, dass der Angeklagte kein eifersüchtiger und kontrollierender Mensch sei, sagte Bischof in ihren ruhigen, nüchtern-sachlichen Schlussworten. Auch ein sexuelles Verhältnis zwischen dem Getöteten und der Ex-Frau des Angeklagten habe sich "nicht nachweisen lassen". Bisher war die Anklage von einem solchen Verhältnis ausgegangen. Der 45-Jährige soll seinen Stiefbruder aus Eifersucht getötet haben.

Expertin revidierte Gutachten

Der Angeklagte war ursprünglich von einem Gutachten der Blutspurmuster-Analytikerin Silke Brodbeck schwer belastet worden. Sie hatte anfangs ausgeführt, dass der vom ihm beschriebene Tathergang mit den gefundenen Spuren nicht zusammenpasse. Am Dienstag musste sie nach einer ausführlichen Beweisaufnahme einräumen, dass auch die Version des Angeklagten möglich sei.

"Wenn Brodbeck das sagt, führt das zu einer ganz anderen Schlussfolgerung", so Bischof. Sie sei als Staatsanwältin zur Objektivität verpflichtet. Die Geschworenen sollen "die richtigen Schlüsse aus den Beweisen ziehen".

Das Vorgehen von Bischof gehöre in ein Lehrbuch für Staatsanwälte, schwärmte Verteidiger Rudolf Mayer. "In 36 Jahren als Verteidiger habe ich es erst einmal erlebt, dass ein Staatsanwalt diese Größe hat. Fairness pur", sagte er. Er schließe sich vollinhaltlich ihren Ausführungen an. Sein Mandant sei nicht wegen Mordes, sondern wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen.