Wien. Sie waren müde. Bis fünf in der Nacht hatten Frau und Herr H. am 26. Jänner 2017 ihre erst zwei Wochen alte Tochter Maria gepflegt. Der Kleinen ging es nicht gut. Sie litt unter Magenschmerzen. Statt Maria wie üblich ins Kinderbett zu legen, schliefen die Eltern mit ihr im Ehebett ihrer Wohnung in Wien-Hernals. Plötzlich, gegen halb acht am Vormittag, wurden sie von einer Explosion aus dem Schlaf gerissen.

"Es war nebelig. Mir war unklar, was passierte. Ich habe gesehen, dass es keine Fenster mehr gibt", erzählt Frau H. als Zeugin vor Gericht. Ihre Stimme wird brüchig. "Ich habe nach meinem Baby geschaut", sagt sie weinend. Nur eine kleine Hand sei aus den Trümmern herausgeragt. "Ich lag im Bett. Alles ist auf mich runtergefallen. Meine Frau schrie: ,Maria, Maria‘", sagt Herr H. Die ausgegrabene Tochter habe kein Lebenszeichen von sich gegeben.

"Ich habe den Staub vom Mund weggesaugt", sagt Frau H. Dann kam der erlösende Laut. Maria atmete. Sie kam mit einer leichten Körperverletzung davon. "Sie wissen, was mit dem Kinderbett passiert ist?", fragt Staatsanwältin Carmen Kainz Herrn H. "Es wurde komplett zerstört. Wir haben großes Glück gehabt, dass sie bei uns im Bett gelegen ist."

Kein Glück hatte Herr Sp. Der Rechtsanwalt und Hausverwalter befand sich um halb acht im selben Wohnhaus vor der Tür von S. Er war mit seiner Ehefrau, dem Gerichtsvollzieher, einem Schlosser und mehreren Arbeitern da, um S. zu delogieren. Als der Schlosser die Tür aufbohrte, weil niemand auf das Klopfen reagierte, kam es zur Explosion. Die Wohnungstür wurde aus den Angeln gehoben und flog auf den Rechtsanwalt. Er starb.

Auf Krücken in den Saal

Mehrere Menschen wurden schwer verletzt. So auch Herr S., der aus seiner ebenerdigen Wohnung durch das weggerissene Fenster ins Freie geschleudert wurde. Am Mittwoch schleppt er sich auf Krücken in den Gerichtssaal. S. soll laut Staatsanwaltschaft Wien für die Explosion verantwortlich sein. In den Stunden vor seiner Delogierung soll er den Gaszähler demontiert und das Gasleitungsventil aufgedreht haben. Als "Racheakt" habe er dann das Gas-Luftgemisch entzündet, als sich der Anwalt vor seiner Tür befand, so die Anklagebehörde.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 56-jährigen S. Mord und 23-fachen - so viele Menschen befanden sich zum Explosions-Zeitpunkt im Gebäude - Mordversuch vor. Ein Geschworenengericht des Wiener Straflandesgerichts hat über ihn zu urteilen.

"Eine zufällige Zündung ist ausgeschlossen", sagt Staatsanwältin Kainz in ihrem Eröffnungsplädoyer. "Mein Mandant hat nichts gezündet", meint hingegen Verteidigerin Romana Zeh-Gindel. Eine "Verkettung unglücklicher Umstände" habe zur Explosion geführt. "S. hat leider den Fehler gemacht, den Gaszähler zu reparieren, obwohl er keine Ausbildung hat", so Zeh-Gindel. Ein elektrischer Funke oder anderes Elektrogerät habe die Explosion verursacht.

S. bekennt sich nur schuldig, "dass ich den Zähler abmontiert habe". Der 56-jährige Österreicher war jahrelang arbeitslos. Er lebte bis 2015 von der Sozialhilfe, als er Termine bei den Behörden nicht wahrnahm, wurde sie ihm gestrichen. Etwas Geld bekam er nur noch von seiner 78-jährigen Mutter. Die monatliche Miete von 89 Euro für die Zwei-Zimmer-Wohnung bezahlte er damit nicht. Gas und Strom wurden S. laut den Wiener Netzen und einem Gutachten bereits Monate vor der Explosion abgedreht. S. bestreitet das. Er habe legal Strom und Gas über eine alte Leitung bezogen.

Wie es zur Explosion kam, kann sich S. nicht erklären. Es habe in seiner Wohnung aber schon länger zuvor nach faulen Eiern gerochen. Ihm sei schlecht gewesen. Mit einem offenen Gasleck habe er seinen Gesundheitszustand aber nicht in Verbindung gebracht. "Warum haben Sie dann den Gaszähler abmontiert?", fragt Kainz. S. stockt kurz. "Weil ich die Wohnung renoviert habe", sagt er dann. Leises, verächtliches Gelächter im Publikum.

Herr H., der mit seiner Familie unmittelbar neben S. wohnte, gab an, niemals Gasgeruch im Haus wahrgenommen zu haben. Ihre durch die Explosion zerstörte Wohnung konnte Familie H. erst im September wieder beziehen - bis dahin lebte sie in einer Notunterkunft im Wiener AKH.

Einweisung beantragt

Am 28. November wird die Verhandlung fortgesetzt. Das Urteil soll am vierten Dezember fallen. Mehrere Sachverständige werden einvernommen - unter anderem der Psychiater Karl Dantendorfer, der S. untersucht hat. Laut dem Gutachter war S. zum Tatzeitpunkt zwar zurechnungsfähig und damit schuldfähig. Allerdings leide S. an einer Persönlichkeitsstörung und sei gefährlich.

Die Staatsanwaltschaft hat deshalb beantragt, dass S. in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden soll. Bei S. würde eine solche Einweisung - da er eben zurechnungsfähig ist - im Falle einer Verurteilung zusätzlich zum Schuldspruch verhängt werden.