Selbst mit ihren Katzen ließ sie sich schon fotografieren. Marine Le Pen versucht, bei diesem Wahlkampf auf sanfteren Pfoten daherzukommen, als man es von der polarisierenden Frontfrau der extremen Rechten sonst gewohnt war. Sie gibt sich in diesem Wahlkampf als Kümmerin der sogenannten kleinen Leute. Unermüdlich tourt sie auf Märkten herum, besucht Bauern und Handwerker und hört sich deren Sorgen an.

Auf diese Weise rückt die 53-Jährige immer wieder das Hauptthema ihres Wahlkampfes in den Vordergrund: die Kaufkraft der Franzosen. Durch die gestiegenen Rohstoffpreise sehen viele Bürger ihr Realeinkommen auf beängstigende Weise schwinden. Le Pen verspricht, die Preise einzufrieren und die Mehrwertsteuer zu senken.

Damit versucht sich die Anführerin des Rassemblement National (RN) von Emmanuel Macron abzuheben, dem vorgeworfen wird, ein Präsident der sozialen Kälte zu sein. Le Pen mischt dabei ihre Sozialpolitik mit ihren bekannten rechten Positionen. So fordert sie eine "nationale Präferenz" bei der Vergabe von Arbeitsplätzen, Sozialleistungen und Wohnungen. Franzosen sollen gegenüber allen anderen Bürgern, auch solchen aus der EU, bevorzugt werden.

Le Pen auf einem Markt in Dunkirk. 
- © AFP / Francois Lo Presti

Le Pen auf einem Markt in Dunkirk.

- © AFP / Francois Lo Presti

Mit ihrer Strategie scheint die Juristin Erfolg zu haben. Im Endspurt des Wahlkampfes ist sie dicht an Amtsinhaber Emmanuel Macron herangerückt. Le Pen sehen die Umfragen bei etwa 23 Prozent, während Emmanuel Macron bei um die 27 Prozent Zustimmung liegt.

Nicht einmal das Auftreten von Eric Zemmour hat ihr offenbar geschadet, ganz im Gegenteil. Weil der ehemalige Fernsehmoderator, der bei rund zehn Prozent liegt, die Muslime im Land noch viel schärfer angreift als Le Pen, wirkt diese neben ihm plötzlich gemäßigt und somit wählbarer für bürgerliche Schichten. Die Kandidatin der Konservativen, Valerie Pecresse, hat laut Umfragen auch keine Chancen auf den Einzug in die Stichwahl.

Der einzige, der Le Pen demnach noch gefährlich werden könnte, ist Jean-Luc Melenchon. Er steht politisch am linken Rand und wirbt auch damit, dass er die Antithese zu Le Pen sei. Dabei ist Melenchon seiner Konkurrentin in einem Punkt ähnlich: Beide gehören zu den Putin-Verstehern, die in den vergangenen Jahren vor allem die Nato kritisierten und viel Verständnis für Russlands Politik zeigten.

Deshalb wäre ein Wahlsieg von Melenchon oder Le Pen eine tiefe Zäsur für Europa. Vor allem Le Pen werden reale Chancen gegeben, in einer Stichwahl gegen Macron zu reüssieren.

Die Politikerin, die auch schon mit Millionenkredite russischer Banken ihren Wahlkampf finanziert hat, verurteilte zwar den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland lehnt sie aber ab. Die Einheit, die Europa bisher gegen Putin gewahrt hat, wäre dahin mit Le Pen, die ja ohnehin die europäische Integration wieder massiv zurückfahren will.

Außerdem bleibt sie dabei, dass sie Frankreich aus den gemeinsamen Kommandostrukturen der Nato lösen will. Französische Truppen, die gerade im Baltikum die Ostgrenze der Nato sichern, würden dann zurückgezogen werden. (klh)