Wien. So sind wohl noch keine Wiener Festwochen eröffnet worden: "Ich wünsche Ihnen viel Freude. Alles Gute! Glückauf!" lautete die Eröffnungsformel von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) am Freitagabend auf dem Rathausplatz. Zu dem traditionellen musikalischen Open-Air-Auftakt waren einen Tag vor dem angekündigten Eintreffen einer Kalt- und Regenfront laut Festwochen 47.000 Menschen gekommen.

Der Bürgermeister erinnerte in seinen Eröffnungsworten daran, dass fast auf den Tag genau vor 100 Jahren in Österreich die ersten freien, gleichen, demokratischen Wahlen, bei denen auch Frauen mitstimmen durften, stattgefunden haben. Deswegen sei es eine großartige Idee der Festwochen gewesen, bei der Eröffnung Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Festwochen stünden "gegen jede Form von Ausgrenzung, Rassismus und Hass".

Und so erklärte Ludwig auch das 70 Meter hohe Sujet des queeren Künstler-Duos Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl, das derzeit den zentralen Rathausturm ziert. Auf ihm sind Silhouetten von zwei rote Figuren zu sehen, von denen eine auf den Schultern der anderen sitzt. "Was ich darin sehe: Dass ein Mensch den anderen trägt." Dabei käme es weder auf das Geschlecht, noch auf eine andere Zuschreibung an.

Hoher Frauenanteil und politische Botschaften

Das anschließende Musikprogramm hatte einen hohen Frauenanteil und immer wieder klare politische Botschaften - von Georg Kreislers "Meine Freiheit, Deine Freiheit" (gesungen von Jelena Poprzan) bis zum Grande Finale mit dem alten italienischen Partisanenlied "Bella Ciao". In der unaufdringlichen und bis auf wenige verbindendende Worte von Katharina Straßer und Birgit Denk ohne Moderation auskommenden Regie von Mirjam Unger bestachen vor allem die Visuals (Unger und Gery Herlbauer), bei denen immer wieder auf altes Filmmaterial zurückgegriffen wurde.

Nimmt man als Maßstab die Rhythmik der Zuschauermenge, in die Bewegung ansonsten vorwiegend durch die beständigen Wanderungsströme der Besucher sowie die zahllosen, Werbegeschenke verteilenden Sponsoren-Vertreter kam, dann kam erst durch Slavko Ninic von der Wiener Tschuschenkapelle Stimmung auf, gefielen die männlichen Fearleaders Vienna in ihren knappen Hotpants und war die zweite Hälfte des Programms Dank Clara Luzia, Soap&Skin und EsRAP die deutlich stärkere.

45 Produktionen von 430 Künstlern

Einsame Höhepunkte waren jedoch Neneh Cherrys "Woman", dargeboten von Marie Spaemann vor einer Zettelfolge mit Frauennamen von Mira Lobe bis Patti Smith, sowie Eva Jantschitschs Song "Die Hälfte des Himmels", gesungen von Birgit Denk, Jelena Poprzan, Katharina Straßer und Clara Luzia, und gewidmet dem "Kampf um die Gleichstellung nicht nur beider, sondern aller Geschlechter".

"Es ist noch viel zu tun", meinte Straßer. Das gilt auch für die Festwochen-Besucher. Bis zum 16. Juni bieten die 68. Wiener Festwochen, die heuer erstmals unter der Leitung des belgischen Intendanten Christophe Slagmuylder stehen, 45 Produktionen von 430 Künstlern aus 19 Ländern an. "Wir sehen uns", versprach der Bürgermeister.