Der Nebel ist dicht in der Gösserhalle. Der Trockeneisdunst nimmt einem fast den Atem. Man sieht aber einige ordentlich aufgereihte Autos, alle tragen sie ein weißes Mäntelchen. Ein solches ziehen sich auch die Männer an, die nach und nach diese Parkgarage betreten. Sie tragen auch weiße Sandalen mit Absatz, aber das ist eine andere Geschichte, wenn auch nicht ganz klar ist, welche.

Fünf schwarze Männer vereinigen sich in Romeo Castelluccis Performance "La vita nuova", die am Mittwoch bei den Wiener Festwochen Premiere feierte, zu einer Art Beschwörungsritual. Immer wieder formieren sie sich zu einer Prozession, ein Ast, der am Boden liegt, gabelt einen leuchtenden Ring auf, der wie ein Kreuz-Kultobjekt vorangetragen wird. Dann beginnen die Männer, sich an einem der Autos zu schaffen zu machen, und es wird klar, warum die Ordner das (durchwegs stehende) Publikum weiter an den Hallenrand gedrängt hatte: Man will ja bei allem Brennen für die Kunst nicht unter ein umgestürztes Auto geraten. Bei jeder Drehung in Richtung Zuseher bekommt das Auto ein neues Kultobjekt verpasst: einmal eine römische Büste, einmal einen Totenschädel, zuletzt ein Netz mit Orangen. Eine Orange wird später ein trauriges Ende nehmen, allerdings mit effektvollem Licht-Aus. Das Auto selbst liegt wie ein geopfertes Lamm da.

Tai Chi mit Ilse Buck

Die Zuseher wirken als Voyeure mit, die Menge teilt sich ab und zu, wenn unvermittelt einer der Männer starr blickend einmarschiert. Meistens kann man dem rätselhaften Wirken aber ungestört zusehen: Wie die Männer Bewegungskombinationen durchführen, die einerseits an Tai Chi, an die Mysteryserie "The OA", aber auch an Ilse Bucks Turnübungen erinnern. Wie sie religiös konnotierte Handlungen sowie dem Sport zugeordnete Teammaßnahmen durch Inhaltsleere der Sinnlosigkeit preisgeben. Das hat tatsächlich 30 Minuten lang seinen assoziationsreichen Reiz, wenn man auch vergeblich auf das Skandalpotenzial wartet, das den Arbeiten von Castellucci normalerweise gegeben ist. Sobald aber einer der "Priester" das Schweigen bricht und die restliche Viertelstunde erklärt, was hinter der Automesse steckt, nämlich holpernde Kritik an der L’art pour l’art und eine Huldigung des "Antriebslosen", hofft man, dass das ironisch gemeint ist, weil es sonst ein gar banaler Abschwung ins Hilflos-Theoretische wäre. Ratloser, aber ermatteter Applaus im abschließenden Motorenlärm.