Am eindeutigsten scheint noch das erste Bild. Da geht langsam das Licht über einer Gruppe erwachender Menschen auf. Sie liegen auf einem bunten Lager aus Gewand, Zeug und Müllsäcken - eine Favela wie Maré in Rio de Janeiro, wo die 63-jährige Choreografin Lia Rodrigues seit acht Jahren eine Tanzschule betreibt. Dort hat sie die neun jungen Tänzerinnen und Tänzer ihrer neuen Arbeit "Fúria" zu Profis ausgebildet.

Die morgendliche Zähigkeit hält nicht lange an. Bald schon schwillt, wie im fernen Hintergrund, ein rhythmischer Klang an. Was man zunächst für Marschübungen hält, ist die traditionelle Musik der Kanaken, der melanesischen Ureinwohner Neukaledoniens. Ihr mit Pfiffen und Rufen durchsetztes Klopfen wird lauter und verstummt dann eine Stunde lang nicht. Dem Rhythmus teils folgend, teils entgegenarbeitend füllen die Tanzenden die Festwochen-Spielstätte Odeon mit bemerkenswerter Präsenz. Mal einzeln, mal in Dreiergruppen, mal alle zusammen wie ein gleichschwingender Vogelschwarm erzeugen sie in verschiedenen Konstellationen pausenlos neue Bilder von verstörender Déjà-vu-Kraft. Wird hier ein berühmtes altes Gemälde zitiert? Wenn sie so dasitzt, ist sie dann ein Maharadscha? Haben die da ihre Gesichter verhüllt, weil sie Muslimas, Terroristen oder Kostümierte bei einer Parade sind? Oder Superhelden?

Die "Wut" aus dem Titel ist hier eine schwelende, die sich selten in Gewalt entlädt. Mitreißend und explosiv ist "Fúria" auch, wenn man nicht weiß, dass kurz vor der Premiere 2018 der rechtsextreme Jair Bolsonaro zu Brasiliens Präsident gewählt wurde.