Der Vater opfert die Tochter, die Frau ermordet den Ehemann, der Sohn meuchelt die Mutter. Mord ruft nach Mord: Davon erzählt die "Orestie" des griechischen Dramatikers Aischylos, die um 500 vor Christus entstanden ist.

Was aber lehrt das Leid? Wie lässt sich der Gewaltzyklus durchbrechen? Und: Was wissen westeuropäische Regisseure von Krieg, Mord und Totschlag? Das sind Fragen, die den Schweizer Theatermacher Milo Rau umtreiben. Antworten findet er in der völlig zerbombten nordirakischen Stadt Mossul. Für sein jüngstes Theaterprojekt "Orest in Mossul", das nun im Rahmen der Wiener Festwochen in der Halle E im Museumsquartier gastiert, verfrachtete der Regisseur sein 15-köpfiges Team zuvor in das ehemalige Kriegsgebiet und arbeitete in den Ruinen der Altstadt mit irakischen Künstlern zusammen.

Die Szenen mit den irakischen Protagonisten wurden gefilmt - und werden in Wien via Videoprojektion eingespielt. "Orest in Mossul" ist ein dichtes Geflecht aus Filmsequenzen und Live-Auftritten, in denen ausschließlich das europäische Ensemble zu sehen ist; den Akteuren aus Mossul war die Ausreise nicht möglich.

Ausnahmezustand

Formal und ästhetisch gerät das ganze Unternehmen äußerst minimalistisch. Der Gedanke an plakative Kriegsreportagen ist nah - wenn die Filmkamera etwa minutenlang zerstörte Häuser und Straßen festhält - und falsch zugleich.

Mit herkömmlichen ästhetischen Kriterien lässt sich "Orest in Mossul" nämlich nicht messen. Dieses Theaterprojekt ist größenwahnsinnig und grandios, von Anfang an. Der Einwand, es handle sich um Betroffenheitskitsch und Kriegstourismus, lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, trifft aber nicht ins Herz des couragierten Unternehmens. Das Risiko, dass die Truppe für Raus Theaterabenteuer auf sich nahm, war enorm: Anfang 2014 eroberte der IS die Stadt Mossul und rief das Kalifat aus; die Dschihadisten terrorisierten fortan die Bevölkerung, Exekutionen standen an der Tagesordnung. Die Stadt ist mittlerweile vom IS befreit, gilt aber nach wie vor als unsicheres Terrain. Theater im Ausnahmezustand.

"In Mossul weist jede Biografie Parallelen zu den Charakteren aus der Tragödie des Aischylos auf", schreibt Rau im Programmheft: "Hier die ,Orestie‘ aufzuführen macht auf schreckliche Weise Sinn." Eines der ältesten Dramen der Menschheit wird auf der Bühne in Wien mit der jüngsten Gegenwart verschränkt: Ein Vorhaben, das einen in den Bann zieht. Da berichtet ein verschleiertes Mädchen in Großaufnahme davon, wie ihre Schulfreundin von der IS-Miliz aus dem Klassenzimmer entführt wurde. Jahre später erfährt man, dass sie zwangsverheiratet wurde, zwei Kinder hat und in einem Lager dahinvegetiert. Eine Gruppe Musiker erinnert sich daran, zwei Jahre heimlich im Keller gespielt zu haben - Musik wurde unter der Diktatur mit der Todesstrafe geahndet. Rau filmte die Musiker nun für "Orest in Mossul", wie sie "Mad World" von Tears for Fears spielen. Theater, das weit über sich hinausweist.