Natürlich lesen sich die Tourdaten von Rockstars noch imposanter. Die Musiker im Wiener Akademietheater dürfen trotzdem als Kilometerfresser gelten. Seit Herbst 2017 tingeln diese drei Abgesandten der Künstlergruppe "Encyclopédie de la parole" mit einem Programm durch Europa und bespielen mehr als zehn Kooperationspartner. Diese Fülle kommt nicht von ungefähr. "Suite nº3 - Europe" besitzt jene Eigenschaften, die der globale Kunstfestivalzirkus besonders schätzt. Als da wären: Ein Programm ohne lokale Vernabelung, eine kostengünstige Logistik - und eine Idee, die bei aller Einfachheit Pfiff besitzt.

Im Fall von "Suite nº3" ist dies eine Überhöhung. Seit 2007 werken die Enzyklopädisten aus Frankreich mit trivialen Sprachaufnahmen aus Funk, Fernsehen und dem Internet. Ihre dritte Suite erhebt solche Fundstücke in den Rang von Kunstliedern. Pierre-Yves Macé hat mit seinem Komponistenohr die gewählten Tondokumente ausgelauscht, hat ihre Rhythmen und Sprachmelodien erfasst und daraus Klavierbegleitungen entwickelt. Diese sekundieren auf der Bühne zwei Sprechsängern, die die Texte mehr oder minder im Originalklang rezitieren. Die Wortspenden - sie benutzen sämtliche Sprachen der EU - haben eine Gemeinsamkeit: Nichts davon ist dazu angetan, auch nur einen Blumentopf zu gewinnen. Regisseur Joris Lacoste verwendet allein Tiraden, die sich allgemeiner Unbeliebtheit erfreuen. Ein kantiges Gegenprogramm in Zeiten, da Facebook seinen Usern nur Like-Verdächtiges auftischt.

Steuersprech und Fremdenhass

Die 90 Minuten beginnen schrecklich heiter: Bianca Iannuzzi rattert als Pariser Regierungssprachrohr die Verhaltensregeln für einen Terrorangriff herunter, klavierbegleitet von einem Bürokraten-Staccato (Denis Chouillet). Es folgt eine Wahlkampf-Suada aus Malta, saftig georgelt von Laurent Deleuil.

Sicher: Der Spaß eines solchen Kunst-und-Krempel-Abends könnte rasch verpuffen, zumal sich die Sopranistin und der Bariton auf knappe Gesten beschränken. Doch die Themen wechseln flink, vom miesen Telefonscherz eines Radiomoderators über eine Farce-Abstimmung im griechischen Parlament bis zur Meditation für Aufstiegswillige (Mantra: "Ich entscheide mich dafür, ein Magnet des Geldes zu sein"). Zudem changiert die Musik zwischen atonaler Skizze, Rock und rasanter Minimal Music. Hut ab vor dieser Einsatzgenauigkeit! In einem raffinierten Duett verleihen die Sänger einem Fiskal-Seminar ("Welche Art von Steuerabzügen kann ich geltend machen?") erotische Würze. Zwar buhlt manche Szene um billige Parodielacher, etwa im Fall eines Flüchtlingsfeinds. In weiterer Folge wird aber eine ganze Fülle fragwürdiger Gesinnungen scheuklappenlos ausgebreitet: vom Antisemitismus eines Priesters über den Roma-Hass einer Bettlerin bis zum Sexismus eines Imam. Am Ende ein Kabinettstückchen: Die "Null Bock"-Tirade einer deutschen Bloggerin, kunstvoll zu Frust-Crescendi gesteigert. Ein "Schaißtag"? Mitnichten. Am Ende aber Erleichterung über die eintretende Stille.