Die Wiener Festwochen waren und sind ein Schaufenster für weltweites Theaterschaffen. Ausgerechnet das 70-Jahr-Jubiläum muss heuer unter pandemiebedingten Reisebeschränkungen stattfinden. Wie haben sich die Festwochen im Zeitenlauf verändert? Wie vermochte das Festival die Stadt zu prägen? Einblicke in sieben bewegte Jahrzehnte.

Eine Konstante ist die Eröffnung am Rathausplatz: Zum ersten Mal wird am 26. Mai 1951 unter dem Titel "Unsterbliches Wien" aufgegeigt. Der damalige SPÖ-Stadtrat Hans Mandl knüpft mit der Neugründung an Kunstfeste des Roten Wien der Zwischenkriegsjahre an. Die Festwochen richten sich - anders als die Salzburger Festspiele, die für ein Promi-Publikum konzipiert wurden - an die Wienerinnen und Wiener.

In den Anfangsjahren bündeln die Festwochen vor allem die kulturellen Ressourcen der Stadt. Auf dem Spielplan stehen klassische Konzerte, kaum Theater und schon gar keine kostspieligen Gastspiele. Das wird sich im Lauf der Jahrzehnte freilich ändern, bald dominiert das Theater, mit dem Aufschwung der Wiederaufbaujahre gelangen Aufführungen aus der ganzen Welt nach Wien.

Ende der 1960er Jahre setzen die Festwochen unter Intendant Ulrich Baumgartner zunehmend auf "kulturelle Konfrontation": Man will nicht nur ein Forum für Hochkultur sein, sondern auch Drehscheibe für zeitgenössische Kunst - die internationale Avantgarde (La Mama), junge "Wilde" (Peter Stein) und bekannte szenische Neudeuter (Peter Brook) kommen in dieser Phase nach Wien.

Initialzündung

Mit der "Arena", einer Veranstaltungsreihe, die sich an ein junges Publikum richtet - ab 1970 im Museum des 20. Jahrhunderts, ab 1975 im ehemaligen Auslandsschlachthof St. Marx -, gelingt den Festwochen ein einzigartiger Coup: Im Sommer 1976 wird unmittelbar nach der letzten Festwochen-Vorstellung der Schlachthof St. Marx von den Theaterbesuchern besetzt. Der Abriss der Schlachthöfe kann zwar nicht verhindert werden, aber durch die "Arena-Bewegung" entsteht eine Gegenkultur, die Stadt ist von einer kulturellen Aufbruchstimmung erfasst. Die Festwochen legten die Initialzündung.

In den 1980er Jahren dümpeln die Festwochen unter Intendant Helmut Zilk als Sammelsurium divergierender Interessen vor sich hin, bis Ursula Pasterk eine entschiedene Wendung in Richtung Moderne durchsetzt: Mit spektakulären Großausstellungen ("Traum und Wirklichkeit") und dem Messepalast als Veranstaltungsort entsteht erneut eine Schiene für experimentelles Theater: In der Halle G treten Künstler auf wie die Wooster Group, Jan Fabre und die Needcompany.

Pasterks Nachfolger Klaus Bachler setzt diesen Weg fort: 1993 zeigt Ariane Mnouchkine die Atriden-Tetralogie in Wien, Christoph Marthaler und Frank Castorf, die über Jahre hinweg die Wiener Festwochen mit ihren Inszenierungen prägen werden, kommen erstmals in den 1990er Jahren hierher. Von 1996 bis 2013 leitet der 2015 verstorbene Schweizer Theatermacher Luc Bondy mit einem schillernden Chor wechselnder Schauspiel-Kuratorinnen und -Kuratoren die Geschicke der Festwochen: Marschrichtung: Expansion.

Von Mitte der 1980er bis Mitte der 2000er-Jahre erleben die Festwochen eine Hochblüte: Da die Wiener Bühnen, auch innerhalb der freien Szene, überwiegend klassisches Sprechtheater zeigen, findet das Publikum neue ästhetische Zugänge und unkonventionelle Regiehandschriften vornehmlich bei den Wiener Festwochen. In diesen wenigen Wochen wird einem schmerzlich bewusst, was man das Jahr über in Wien vermisst.

Neuerfindung

Diese Poleposition verändert sich für die Festwochen im Lauf der 2000er Jahre: Ein Generationenwechsel an der Spitze der Wiener Großbühnen führt zu einer etwas risikofreudigeren Programmierung. Ein Beispiel: Christoph Schlingensief schockt im Jahr 2000 mit seiner Container-Aktion "Bitte liebt Österreich" im Rahmen der Festwochen das Publikum, wenige Jahre später inszeniert er regelmäßig am Burgtheater. Auch die Theaterreform subventioniert nunmehr gezielt performative Spielweisen; mit Tanzquartier, Werk X und brut etablieren sich zudem neue Spielorte, die sich um postdramatische Spielweisen bemühen. Die raschen Intendantenwechsel von Markus Hinterhäuser (2014-2016) und Tomas Zierhofer-Kin (2017-2018) legen vor allem eine zunehmend hektisch betriebene Identitätssuche der Festwochen offen. Wie soll sich ein Theaterfestival in einer ausdifferenzierten Theaterlandschaft positionieren? Was bedeutet heute Zeitgenossenschaft in der darstellenden Kunst?

Der versierte Festivalentwickler Christophe Slagmuylder stellt sich nun seit vier Jahren an der Spitze der Festwochen diesen Fragen. Bisher ist noch kein signifikanter Kurswechsel erfolgt, aber für ihn verlief keine einzige Spielzeit reibungslos: Das Programm für 2019 musste er im Rekordtempo stemmen, im Pandemiejahr 2020 fand ein Mini-Festival im Herbst statt und auch im Jubiläumsjahr 2021 mussten Prestigeprojekte, wie die erste Operninszenierung von Milo Rau, verschoben werden.

Die Festwochen finden heuer erstmals in zwei Ausgaben statt - von 3. Juni bis 16. Juli und von 24. August bis 25. September. Die 34 Produktionen spiegeln ein Theaterjahr im Ausnahmezustand. Vielleicht kein schlechter Ausgangspunkt für eine Neuerfindung.