Und wieder ein Fall von Corona-Kunst - jedenfalls auf den ersten Blick. Da steht ein sozial Isolierter auf der Bühne, brütet im Dunkeln über die Gegenstände seines Wohnraums. Über einen seltsamen Fleck am Fenster, über ein Saxofon, das von alleine Feuer fängt. Und über ein Bett, das - seltsam! - aufspringt und schreit. Nagt der Lockdown an den Geisteskräften des Sinnierers?

Mitnichten. Der Einsame, seit Donnerstag im Wiener Museumsquartier zu besichtigen, psalmodiert die Prosa des verblichenen Henri Michaux (1899-1984). Der Belgier stieg, wie es heute hieße, zum gehypten Literaten und Maler auf: André Gide brach eine Lanze für seine Litaneien, Paul Celan übertrug sie ins Deutsche. Dabei befeuerte es Michaux’ Karriere, dass sich auch seine Biografie exzentrisch liest: Der Jungspund aus gutem Haus stach als Matrose in See, bereiste bis 1939 den halben Planeten. In den 50er Jahren begann er, unter dem Einfluss von Meskalin die Pforten der Wahrnehmung zu erkunden. Unnötig zu erwähnen, dass sich ein Michaux-Band ungleich erratischer liest als ein Konsalik-Roman. Ein Rauschen der Vieldeutigkeit hallt durch diese Wortwirren.

Dürftig möbliertes Hörstück

Ein Œuvre ganz nach dem Geschmack von Heiner Goebbels: Der deutsche Komponistenregisseur bescherte den Wiener Festwochen schon 2009 einen bewusst handlungsarmen Abend ("I Went To The House But Did Not Enter"). Jetzt ist er mit einer Michaux-Hommage zurück: "Liberté d’action" heißt sie und eröffnete das Festival heuer in ungewohnter Form - als "szenisches Konzert", wie es auf dem Papier hieß.

Tatsächlich wendet sich die Arbeit (wie das zugrunde liegende Hörstück von Goebbels mit gleichem Hauptdarsteller) aber vornehmlich an das Ohr. Abwechselnd deutsch und französisch, rezitiert sich David Bennent durch Michaux’ Befindlichkeitslabyrinthe und verleiht Rätselsätzen ("Der Wespenschwarm, der auf dem Auge den Aussatz verursacht") eine bisweilen lockende Süße. Zwei Pianisten des Ensembles Modern traktieren dazu die Eingeweide ihrer Flügel mit Werkzeugen, entlocken den Klavieren knarzige bis wummernde Sounds und eine Musik zwischen gebrochener Harmonie und herber Dissonanz. Ein Festspiel der Vieldeutigkeit im Verbund mit dem Text - doch nicht rasend innovativ angesichts des Umstands, dass die Pionierzeiten des Prepared Piano auf 1940 datieren.

Und dazu diese karge Optik. So sehr sich einige Momente mit Poesie aufladen, wenn das Michaux-Double auf der Bühne zwischen allerlei Mikrofonen hin- und herhuscht und wie der Alleinbetreiber einer unerhörten Radiostation vergeblich in die Welt ruft: Diese dürren Konzeptbeine tragen keine 75 Minuten. So lauten die stimmigsten Worte des Abends, der mit sanftem Beifall verabschiedet wurde, dann doch "Langeweile. Langeweile. Lange Weile."