Hat ein Film eine Seele? In Azade Shahmiris Stück "Quasi" schon. Da kann ein Film sogar sprechen. Also mit jemandem kommunizieren. Auf Fragen antworten. Zum Beispiel, was er machen würde, wenn er ein Mensch wäre (am Boden rollen). Oder warum er nicht vollendet wurde. Da ist die Antwort schwieriger, die Schrift am Monitor verwickelt sich in philosophischen Überlegungen.

Dass der Film von Hamid Jafari nicht fertiggestellt worden ist, ist sozusagen schuld an dem Theaterstück, das am Montag bei den Wiener Festwochen seine Weltpremiere feierte. Die Aufnahmen, die 2001 in Teheran gemacht wurden, sind neben den drei Schauspielern quasi der vierte Akteur des Abends. Immer wieder werden diese Szenen aus einem Teheraner Café eingespielt, meistens ohne Ton, Menschen beim Reden, beim Gestikulieren, beim Zuhören. Manchmal interagiert eine Darstellerin mit den Filmbildern, macht mit ihren Händen Schattenspiele auf die Leinwand, in die Gesichter hinein.

Eine Handlung kann man bei "Quasi" kaum herausdestillieren. Drei Schauspieler (Isar Aboumahboub, Naghmeh Manavi, Melika Shokri) treten zusammen auf, irren über die Bühne, als würden sie ihren richtigen Platz suchen. Der Mann setzt sich an einen Tisch, dort liest er von Kärtchen seinen Text ab. Eine Schauspielerin spricht ihren Text wie eine Aufnahme oder wie Sprachnachrichten in ihr Handy. Die zweite Schauspielerin ist vor allem mit den Funktionen ihrer Körperglieder beschäftigt. Sie lässt jede Zehe ihre eigene Hauptrolle spielen. Die Funktionalität ihres Körpers scheint ihr immer mehr zu entgleiten - warum, ist nicht ganz klar. Diese Rätselhaftigkeit umrankt auch die Erzählungen der anderen. Der Mann scheint an einem Ort isoliert oder eingesperrt zu sein, die Gesprächsfetzen der Frau weisen auf einen akademischen, sprachwissenschaftlichen Hintergrund hin. Sie hat zu Beginn einen Armverband, sie wird noch mehr Verbände anlegen im Lauf des Abends. Sie wird von Selbstverletzung bis zum Koma erzählen. Experimente nennt sie das - keinesfalls Selbstmord. Irgendwann scheinen die beiden beschädigten, weiblichen Figuren auch irgendwie zusammenzuschmelzen. Schlaglichtartig kommt auch ein wenig Licht ins Dunkel der Erzählung des Mannes. Ein Lehrer hat ihm etwas angetan, vielleicht sexueller Missbrauch. Er war bei einem Studentenprotest, wo er verletzt und bewusstlos weggebracht wurde. Er war oder ist wohl auch deswegen in Haft. Am Ende baut er eine entropische Installation aus dem Bühnenmobiliar und lässt sie unter Rauch verschwinden.

Zeit und Ort, Zeit und Raum sind hier mit Zitaten aus der einschlägigen philosophischen Literatur unterfütterte rote Fäden. Nun ja, hellrot. Und die Fäden sind auch sehr zerschlissen. Es fällt schwer, diesem Puzzle etwas Sinnhaftes abzugewinnen. Die Filmeinspieler haben etwas Meditatives, das sich aber mit der Zeit abnützt, insgesamt strapaziert die Langsamkeit letztendlich mehr die Geduld, als sie Aussage stiftet. Man hat hier vor allem jenes Gefühl, das man hat, wenn man ein Gespräch bruchstückhaft belauscht. Es geht einen halt nichts an. Aber warum sollte man es sich dann ansehen?