Listig kam die Arie "Un bel di vedremo" während des Zuseher-Zustroms vom Band. All jene, die beglückt mitsummten, als sie am Sonntagnachmittag das Brut Nordwest betraten, könnten möglicherweise schon bald eine mittelschwere Desillusionierung erlebt haben. Denn die Oper "Madama Butterfly" war für die gleichnamige Festwochenproduktion von Satoko Ichihara nur Stichwortgeberin - dementsprechend gab es auch merklichen Abstrom von Gästen während der zweistündigen Aufführung.

Es gibt sie ja, die Film- oder Bühnenfiguren, die man schrecklich findet, weil man ihre Entscheidungen nicht erträgt, weil man sie schütteln will und ihnen zurufen: Tu das nicht! Oder: Jetzt sag doch endlich was! Für Theatermacherin Fukuyo - Bühnen-Alter-Ego von Ichihara - ist Cho-Cho-San, die Hauptperson aus Puccinis "Madama Butterfly" eine solche Figur. Und deswegen wird in dieser Umdeutung der Spieß umgedreht. Nicht der US-Soldat (gespielt von einer Frau) ist es, der die Frau ausnutzt, sondern er soll es sein, der als Objekt für die Frau herhält. Sein Sperma soll ein halb-japanisches Kind (er-)zeugen. Denn darin sieht die "neue" Cho-cho den Ausweg aus der Hässlichkeit der Japaner mit ihren "flachen Gesichtern und kleinen Augen".

Mit dieser Diagnose startet das Stück nämlich: In einem videoprojizierten Dschungel sitzt Kyoko Takenaka im Kawaii-Hello-Kitty-Shirt und spricht auf der einen (Video-)Seite mit einer optimierten Version ihrer selbst (schlank und Minirock) und auf der anderen Seite mit allerlei Figuren der japanischen Geschichte über den Minderwertigkeitskomplex eines Volkes und was die jahrhundertelange Abschottung des Landes damit zu tun haben könnte.

Lippen glänzen

Auch Kate, in der Oper bekannt als die amerikanische "Rivalin" von Butterfly, tritt auf dieser linken Projektionswand in Erscheinung und verwandelt sich alsbald in die Anime-Figur Sailor Moon - neckisches Matrosenkostüm, runde große Augen, lange blonde Haare. "Angeblich ist sie Japanerin, sie sieht aber gar nicht so aus." Eine Art pinke TikTok-Anleitung, wie man sich attraktiv für Weiße ("Gaijin") machen kann, folgt. Sukkus: Glänzende Lippen zeigen sexuelle Willigkeit. Danach der Samenraub, der natürlich die Frau keineswegs von ihrem Objektstatus emanzipiert. Erster Auftritt eines großen weißen Dildos übrigens, der in weiterer Folge an den Sohn vererbt wird. Denn ein wichtiges Diskursthema ist hier auch die unterschiedliche Penisgröße von Asiaten und Kaukasiern. Und was Chihuahuas und Bernhardiner damit zu tun haben. Als Zwischeneinschub gibt es eine Diskussion der Darsteller (Yan Balistoy, Brandy Butler, Sascha Ö. Soydan) über das weitere Vorgehen. Am Ende bringt sich Butterfly doch um, inklusive rotem Kabuki-Konfetti-Blut - weil ihren Sohn ihre Regelblutung nervt. Eine völlig überflüssige exaltierte Jungfrau-Marien-Apotheose schließt das Stück ab, das zwar seine amüsanten Momente hat, seine ohnehin nicht immer aufwühlend originellen Ideen aber nicht sinnstiftend verbinden kann. Trotz exaltiertem Spiel schnell verpuffende, unerhebliche Fastfood-Gesellschaftskritik.