Die Menschen der Steinzeit seien die größten Erfinder der Menschheit, davon ist zumindest der Kulturhistoriker Ernst Gombrich überzeugt. Sie haben zum ersten Mal ein Feuer entfacht und erstmals so etwas wie ein Mahl zubereitet, in Knochenarbeit haben sie Werkzeuge hergestellt, sie waren die ersten Jäger und Sammler - und eben auch die ersten Künstler, ihr Findungsreichtum grundierte alles, was danach kommt. Eine ähnliche Faszination übten die Errungenschaften der frühzeitlichen Menschen auch auf die Theatermacher Pablo Gisbert und Tanya Beyeler aus. Die Masterminds des spanischen Kollektivs "El conde de Torrefiel" setzen in ihrer jüngsten Theaterarbeit mit dem Titel "Una imagen interior", die nun im Rahmen der Festwochen in Wien gastiert, eine prähistorische Höhlenmalerei an den Beginn ihrer szenischen Erkundungen.

Leben und Tod

Auf der leer geräumten Bühne der Halle G im Museumsquartier sieht man zunächst eine fast raumhohe Leinwand, über und über mit Farblinien und -klecksen bemalt. Eine Performerin nach der anderen betritt stumm, im Zeitlupentempo die Bühne und betrachtet eingehend das Gemälde. Der Stücktext wird auf Deutsch und Englisch auf einem herabgelassenen Banner projiziert, während der gesamten 90-minütigen Vorstellung wird kein einziges Wort gesprochen, das Publikum liest selbst Zeile für Zeile den Text. Zunächst erfährt man Wissenswertes über ein Höhlenbild, das erst vor wenigen Jahren in einer Grotte in Spanien entdeckt wurde und unter Prähistorikern als veritable Sensation gilt. Im Naturhistorischen Museum Wien hängt, so lernt das Publikum an diesem Abend, eine Nachbildung dieser Malerei.

Angeblich weist die steinzeitliche Malerei gewisse Ähnlichkeiten mit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts auf. Während man sich lesend mit der Höhlenmalerei beschäftigt, ereignet sich auf der Bühne denkbar wenig. Performer gehen immer noch auf und ab, studieren das Bild, es ist wie eine Nachahmung einer Szenerie im Museum.

Nach gut einer halben Stunde wechselt das Bühnenbild, die bunte Kritzelei verschwindet, stattdessen ist die Bühne nun vom Boden bis zur Decke komplett mit kirschroten Plastikbahnen verhängt. Wiederum gehen die Performer in Alltagskleidung gemächlich auf und ab, eine Darstellerin schiebt einen leeren Einkaufswagen vor sich her, sie ahmen pantomimisch einen Einkauf in einem Supermarkt nach, auch auf der Tonspur nimmt man Geräusche wahr, die man einem Einkauf zuordnen könnte - da das leise Piepen, wenn der Scanner den Barcode einliest, dort ein wenig Kaufhausmusik, schließlich ein auf- und abfahrender Lift. Auf der Textebene ändert sich die Gangart ein wenig, aus der launigen Geschichtsstunde wird zunehmend eine kapitalismuskritische Lektion: Die Steinzeit sei eine Zeit ohne Besitz und Eigentum gewesen, ohne Geld und Nationalitäten, so lautet zumindest die These der Theatermacher.

Im dritten Akt blickt das Publikum auf schwarzes Plastik, die Performer treten in diesem Akt kaum mehr in Aktion und inhaltlich wird nun mit dem Anthropozän abgerechnet, unserem Zeitalter, in dem der Mensch so einschneidend die Natur veränderte, mit den bekannten Folgen Klimawandel und erschöpfte Ressourcen. All das liest sich wie das Einmaleins der Klimaschützer, eine Litanei, die man zur Genüge kennt und eigentlich nur mehr müde abnicken kann.

Mit den großen Fragen über Leben und Tod geht es weiter, im nächsten Akt wird, wie in einem Mahlstrom hochtrabender Gedanken, der eigene Tod herbeifantasiert. Zu guter Letzt erlaubt sich "Una imagen interior" noch eine bizarre Volte, in der die Gegenwart mit der Prähistorie verknüpft wird: Auf der Bühne spritzen die Performer nun mit Farbtuben auf eine leere Leinwand, dazu ist nachzulesen, wie sich die Theatermacher das Künstlerdasein einst und jetzt vorstellen - der Kunstausübung wohnt halt etwas Überzeitliches und Universelles inne.

Der Blick zurück in eine exotische Vergangenheit wirkt irgendwie entzückend, doch letztlich erschreckend unerheblich.