Isabelle Huppert!

Wie sonst beginnen? - Isabelle Huppert und Marcel Bozonnet!

Isabelle Huppert, Marcel Bozonnet und das ganze Ensemble! Der portugiesische Regisseur Tiago Rodrigues inszeniert den "Kirschgarten" ganz modern und ganz nahe an Anton Tschechow. Was die Wiener Festwochen da in der Halle E des Museumsquartiers zeigen (in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln), hat die Ovationen am Schluss wohl verdient.

Rodrigues bringt den "Kirschgarten" zum Blühen. Das ist nicht Andrea Breths Zeitlupen-Tschechow, der im Burgtheater ermüdete, das ist nicht das Missverständnis zwischen Trash und Larmoyanz, das in der Josefstadt befremdete, das ist Tschechow mit Tempo, mit Leichtigkeit, mit Eleganz.

An den Tiefen vorbeigespielt?

Keineswegs!

Aber nichts von der Russen-Schwere, die deutschsprachigem Tschechow immer angetan wird im Glauben, einer wie auch immer gearteten russischen Seele, die ohnedies nur ein unrussisches Konstrukt ist, irgendwie beizukommen.

Tempo, Tempo, Tempo!

Auf der Bühne (gestaltet von Fernando Ribeiro) also ein paar Art-déco-Leuchten und eine Menge denkbar unpassender Plastik-Stühle: Ein Eugène-Ionesco-Ambiente. Und ob der "Kirschgarten" ganz nahe dran ist am Theater des Absurden, fast dessen Vorläufer!

Natürlich kann man Tschechows letztes Stück als ein melancholisches Rückschauen inszenieren, zeigen, wie die Welt um die heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow an Schulden und Sorglosigkeit zerbricht, und man kann das, wie so oft geschehen, variieren und mit Regieversatzstücken unterschiedlicher Art anreichern. Letzten Endes ist das so legitim wie altbacken.

Rodrigues liest den Text anders: Von Anfang an setzt er auf Tempo und ballettöse Bewegung. Die Ankunft Ljubows: ein Chanson, in dem jeder seinen Charakter offenbart - vielleicht eine Reminiszenz an die Chansons in François Ozons Film "8 Frauen".

Die ganze Atmosphäre ist locker, gelöst. Man betrinkt sich mit guter Laune. Der Lakai Firs ist die Klammer vom glamourösen Gestern zum Heute, das glamourös ist, weil man es glamourös haben will.

Regnet es statt Kirschblüten die Asche des ausbrechenden Vulkans? - Am Ende des Dritten Aktes, nach der Versteigerung des Kirschgartens, dunkelt die Sache doch erheblich ein: Da führt der nunmehrige Besitzer Lopachin einen Tanz auf, der die neuen Besitzverhältnisse auch als neue Machtverhältnisse zeigt. Jetzt ist der Nachkomme von ehemaligen Leibeigenen der Herr, die ganze Gesellschaft räumt er an die Seite, als wäre sie ohnedies nur Staffage.

Den vierten Akt hat Rodrigues besser verstanden als die meisten anderen Regisseure. Das große Abschiednehmen ist kein Fest der Traurigkeit: Man akzeptiert entspannt die neuen Verhältnisse, und daraus entsteht vielleicht etwas, das sogar schön sein kann. Erst kommt die Kirschblüte, dann die Frucht.

Das ideale Ensemble

Die Festwochen haben viel Aufhebens um die Diversität des Ensembles gemacht, als ob Diversität für sich ein Qualitätskriterium wäre. In Wahrheit spielt die Diversität keine Rolle, wohl aber die präzise gewählte Besetzung: Alex Descas als Ruhepol, Océane Cairaty mit etwas steifer Noblesse, hinter der sich alle Sehnsucht der Welt verbirgt, und vor allem Adama Diop, der Klugheit und Gier verkörpert und schließlich auch, nachdem er sein Ziel erreicht hat, Menschlichkeit.

Dann Marcel Bozonnet, schalkhaft und müde, weise und stoisch, ganz im Bewusstsein, der Letzte seiner Art zu sein: ein Psychogramm des Firs, wie es seinesgleichen vergeblich sucht.

Und eben Isabelle Huppert - ein Ereignis! Temperamentvoll, flippig, zerbrechlich auch: Sie stampft schon mal gehörig auf und weint ganz still vor sich hin. Wie sie ein paar Sekunden den Tod ihres Sohns betrauert, um im Handumdrehen die Tragik mit Willenskraft wegzuwischen, zugleich die ganze Zerbrochenheit dieser Gestalt zeigt, deren Scherben nur durch den Kitt der erzwungenen Lustigkeit zusammengehalten werden, ist einzigartig.

Wie sonst enden? - Marcel Bozonnet und Isabelle Huppert.

Vor allem aber Isabelle Huppert!