Mausgraue Angestellte in Opfer- wie Täterrollen. - © Sebastian Marcovici
Mausgraue Angestellte in Opfer- wie Täterrollen. - © Sebastian Marcovici

Rückt die staatliche Bühne von Sibiu/Hermannstadt in "Oameni obisnuiti - Gewöhnliche Menschen" gegen die Übel der Korruption aus, ist der moralische Zeigefinger zurück ins Ceausescu-Erbe gerichtet und auf das heutige Bukarest. Vom Jahr 2000 bis zu seiner Wahl zum Staatsoberhaupt 2014 regierte Klaus Johannis Rumäniens zweitgrößte Stadt. Mit nur mehr drei Prozent Deutschen. Sibiu wurde unter diesem Siebenbürger Sachsen als Bürgermeister sichtbar schöner und reicher - und in mehrerlei Hinsicht Rumäniens sauberste Metropole. 2010 feierte sich Sibiu unter europäischem Beifall als Kulturhauptstadt.

Episodenkette


Eine "Performance" nennt die Regisseurin Gianina Carbunariu ihre im Wiener Arbeiterkammertheater Akzent erstmals im deutschen Sprachraum gezeigte
Episodenkette über den Mut und die Wundschmerzen von Whistleblowern. Die zeigen auf, die zeigen an, wenn im Krankenhaus kein Helfer im Notfall zu finden ist, weil die Ärzte zum Kohlemachen in Privatspitäler ausschwärmten. Vom Unterschleif in der Staatsstraßen-Verwaltung versuchen sie vergebens, die Politik zu alarmieren. Denn auch sie erweist sich als korrupt.

In einem öffentlichen Betrieb "stehlen 30 von 34 Angestellten", in einem anderen stempelt ein einziger Arbeiter für ein Dutzend die Präsenzkarten. Wo viel Verdienst und auch leichte Arbeit locken, ist jeder mit jedem verwandt oder verschwägert. Das Risiko der Whistleblower bleibt trotz forcierter Gesetzgebung groß: Empörung der Kollegen über die Störenfriede, existenzvernichtender Druck vonseiten der Obrigkeit.

Viele Leidensberichte


Gianina Carbunariu sammelte in Rumänien viele Leidens-, doch nur wenige Erfolgsberichte. Drei Damen und drei Herren rekonstruieren sie in Spielszenen als mausgraue Angestellte vor einer bühnenfüllenden Videowand mit Rasterfeldern wie ein Aktensilo. Zumeist vornüber zum Publikum gewandt, filmen sie sich selber ab. Auf der Bildwand blitzen auch Schwarzweiß-Piktogramme auf. Ein Icon könnte "Manus manum lavat" raunen, ein anders "Renn so schnell du kannst".

Plötzlich überraschen wahre Whistleblower in Interviews in Sardinien, Bologna, London wie in einer TV-Doku. Sie alle sagen irgendwie dasselbe: "Ich habe angezeigt, damit ich mich morgens vor dem Spiegel nicht schämen muss."

Auch wenn die Darsteller in Opfer- wie Täterrollen rühren - voran die herbe Dana Talos - und Regie, Ausstattung, Videotechnik mit paradoxem Witz gegensteuern: Die Geschichten, die Muster wiederholen sich, die 100 Minuten Spielzeit dauern lang.

Theater

"Oameni obisnuiti - Gewöhnliche Menschen"

Von Gianina Carbunariu

Wiener Festwochen im Akzent Wh. bis 2. Juni