Bühne frei für die großen Fragen der Menschheit. Szene aus Ersan Mondtags Inszenierung der "Orestie". - © Armin Smailovic
Bühne frei für die großen Fragen der Menschheit. Szene aus Ersan Mondtags Inszenierung der "Orestie". - © Armin Smailovic

Was ist bloß mit den Festwochen los? Die Frage war dieser Tage oft zu hören. Wiens größtes Festival war nicht nur unter den Besuchern Dauergesprächsthema. Neben szenischen Eigentümlichkeiten, die man 2018 wieder über sich ergehen lassen musste, erschienen in der Rückschau die vergangenen Festwochen-Ausgaben unter den Intendanten Markus Hinterhäuser und Luc Bondy - samt versierter Schauspiel-Dramaturginnen - zunehmend großartiger, strahlender. Der aktuelle Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin, der zuvor das Donaufestival erfolgreich leitete, tut sich mit dem Wiener Theaterfestival auch in seinem zweiten Jahr sichtlich schwer.

Auf Nummer sicher

Die vorläufige Bilanz der Festwochen, die noch bis Sonntag, 17. Juni, laufen, fällt demnach durchwachsen aus: Positives ist gelungen, Altlasten wurden nicht beseitigt, Neuheiten zögerlich initiiert.

Zwei Premieren stehen noch aus: Superamas setzen sich in "Chekhov Fast & Furious" mit dem Theater des Anton Tschechow auseinander - die Tanzformation ist von zahlreichen Gastspielen beim Impulstanzfestival und Tanzquartier in Wien bereits bestens bekannt; und das National Theater of Korea gastiert mit einer Interpretation von Euripides "Troerinnen".

Der japanische Soundtüftler Ryoji Ikeda, der oberösterreichische Bilderstürmer Kurt Hentschläger sowie der schwedische Extremperformer Markus Öhrn vermittelten einen Eindruck davon, was Zierhofer-Kin mit seiner vielfach angekündigten Neuausrichtung der Festwochen gemeint haben könnte: Diese Künstler brachten formal und inhaltlich konsequente Arbeiten ein, die in der heterogenen Gegenwartskunstlandschaft wie erratische Blöcke wirkten. Die entsprechenden Aufführungen der international gefragten Acts gehörten aber nicht nur zu den bemerkenswerten Produktionen 2018; sie führten zugleich vor Augen, dass die Festwochen-Macher bei der Programmierung zuweilen ungelenk agieren.

Für Ikedas "micro/macro" etwa wurde die große Halle E im Museumsquartier praktisch für die gesamte Festspieldauer leergeräumt. In dem Saal, der mehr als tausend Zuschauer fasst, finden üblicherweise Festwochen-Großprojekte statt - Aufführungen mit Strahl- und Zugkraft, Festwochen-Pflichttermine, an denen Gigantisches und Größenwahnsinniges abgehandelt wird, etwa Jan Fabres 24-stündiger-Bühnen-Marathon "Mount Olympus" im Jahr 2016. "micro/macro", eine für sich genommen fesselnde audiovisuelle Performance, verliert sich in diesem Ambiente.

Rätselhaft auch die Preispolitik. Während für die "micro/macro"-Video-Installation fünf Euro Eintrittsgeld verlangt wurde, lief die Performance von Markus Öhrn, "Häusliche Gewalt" - eine mehrstündige performative Auseinandersetzung mit tatsächlich vor Wiener Gerichten verhandelten Gewalttaten gegen Frauen - bei freiem Eintritt in den Gösserhallen. Das Prinzip der Nachvollziehbarkeit? Geschenkt.