Als am Mittwoch, 8. August 1703, erstmals das "Wiennerische Diarium" erschien, war die Welt eine völlig andere: Österreich war Erzherzogtum, eingeteilt in feudale Strukturen, Demokratie als Staatsform bestenfalls als nostalgische Idee der Antike verstanden, das Individuum, die Würde des Einzelnen weit entfernt vom Zentrum allen staatlichen Handelns. Aber es war eine Zeit des Aufbruchs: Das Zeitalter der Vernunft sollte in den kommenden Jahrzehnten den Kontinent nachhaltig verändern.

Das "Wiennerische Diarium", die spätere "Wiener Zeitung", brachte den beginnenden Umbruch zum Ausdruck. Die erste Ausgabe startete mit der wichtigen "Anmerckung", wonach zu berichtende Begebenheiten "ohne einigen Oratorischen und Poëtischen Schminck (...) sondern der blossen Wahrheit verpflichtet" ordentlich vorgestellt werden sollten. Ein Medium, das mit diesem Selbstverständnis über Jahrhunderte Bestand hat, lässt die Gegenwart besser einordnen und im Gesamtkontext Lehren für die Zukunft ziehen - ein unschätzbarer Wert für eine lebendige Gesellschaft!

Brigitte Bierlein war Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes sowie Österreichs erste und bisher einzige Bundeskanzlerin. 
- © apa / Hans Klaus Techt

Brigitte Bierlein war Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes sowie Österreichs erste und bisher einzige Bundeskanzlerin.

- © apa / Hans Klaus Techt

Wir leben in außergewöhnlich schwierigen Zeiten. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind wir, unser gesamter Kontinent, nicht mit derart multiplen, gleichzeitig auftretenden grundlegenden Fragen konfrontiert worden. Die Unsicherheit innerhalb der europäischen Bevölkerung ist nicht zuletzt durch Pandemie und Krieg stark gestiegen.

Angriffe auf demokratische Institutionen

In einem stabilen Rechtsstaat wie der Republik Österreich leben zu dürfen, ist und bleibt ein großes Privileg; zu oft verkommt diese Erkenntnis indes zur rhetorischen Floskel. Umso wichtiger ist das Bewusstsein, dass unser gesellschaftliches Zusammenleben in Frieden und Freiheit von einer klaren, schnörkellosen Verfassung, integren Institutionen und freien, unabhängigen Medien getragen wird.

Dieses fein ausgearbeitete, ausgleichende Konstrukt der "Checks and Balances" ist fragil, war und ist Bedrohungen ausgesetzt - heute bedauerlicherweise mehr denn je. Keine 400 Kilometer von Wien erleben Mitbürgerinnen und Mitbürger einen brutalen, aus der Zeit gefallenen Angriffskrieg auf europäischem Boden. Ein direkter frontaler Angriff auf unser aller Wertesystem und jene Freiheiten, die wir mit Selbstverständlichkeit täglich leben durften. Damit einher gehen Angriffe auf die demokratischen Institutionen und der Hass auf jene, die sich der Wahrheit und dem Faktum widmen.

Die Digitalisierung mit all den wertstiftenden Elementen einer globalen Konnektivität trägt unbestritten zum zivilisatorischen Fortschritt und zur gesellschaftlichen Wohlfahrt bei. Sie bietet aber auch oft anonymen Raum für unreflektierten, nachlässigen Umgang mit der Sprache, für beschleunigte Verbreitung gezielter Desinformation und Manipulation. Die persönlichen Freiheiten, die durch unsere Verfassung garantiert sind, wurden hart erkämpft. Die Meinungsfreiheit ist für unsere Demokratie essenziell. Wenn Perzeption und Vorurteil jedoch ohne Korrektiv als unbedingte Wahrheit propagiert und gezielt zur Spaltung der Gesellschaft genutzt werden, erodiert eine der wichtigsten Säulen unserer Demokratie.

Unabhängige Medien mit objektiver Berichterstattung

Es braucht daher unabhängige Medien, die ihre Mission in der faktenbasierten, objektiven Berichterstattung und nicht in der reißerischen Schlagzeile sehen. Absolute Wahrheiten gibt es wenige, der politische Diskurs, Meinung und Gegenmeinung zuzulassen, wird daher auch von der Medienvielfalt getragen, der latenten Suche nach dem besseren Argument. Sie sensibilisiert für unterschiedliche Perspektiven und macht uns als Gesellschaft kompromissfähig.

Die "Wiener Zeitung" ist die älteste noch erscheinende Zeitung der Welt. Sie hat die dunkelsten Kapitel ebenso wie die hoffnungsvollsten Momente der österreichischen Geschichte dokumentiert und ist damit zweifelsohne Teil unserer Identität. Sie symbolisiert weit darüber hinaus den Kern einer liberalen Gesellschaft in einer Welt, in der unsere Werte offen angegriffen werden. Heute erscheint die "Wiener Zeitung" nach wie vor, sogar täglich; an den damals formulierten hohen Ansprüchen hat sich nichts geändert. Ihr Auftrag ist so klar wie notwendig. Ich wünsche der "Wiener Zeitung", dass sie auch in Zukunft als Symbol und Konstante für Medienfreiheit und -vielfalt erhalten bleiben möge - im Interesse unserer Demokratie und eines liberalen Rechtsstaates!