Der aktuelle Plan, die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt in ihrer Erscheinungsform als gedruckte Tageszeitung einzustellen, sollte zumindest all jene wachrütteln, die Österreich als Land der Hochkultur - mit den damit verbunden Werten und Ansprüchen - verstehen. Kultur ist immer Arbeit, Verfeinerung - im besten Sinne des Wortes. Und diesem Anspruch gilt es wieder gerecht zu werden. Die "Wiener Zeitung" trägt heute als Qualitätsmedium, in einer sehr überschaubaren österreichischen Medienlandschaft, ihren Beitrag dazu bei, und das Gute vorweg ist: Es gibt noch wertvolles Potenzial für dieses Medium.

Wir sollten und dürfen als Demokratie den Wert freier und unabhängiger Medien und einen damit verbundenen Qualitäts- und Bildungsanspruch nicht aufgeben. Auch wenn es fordernd sein mag, sind wir als Gesellschaft gut beraten gemeinsam an einer Form von Zukunft zu arbeiten, die vielen Menschen auch wieder Hoffnung und eine Perspektive gibt. Das ist die Herausforderung, und möglichst viele Menschen mit Berichterstattung, Information und Bildung dafür zu interessieren, ihre Neugierde dafür zu wecken, auch für Themen, die nicht nur Quotenhits sind, ist eine weitere. Die Tatsache, dass jüngere Generationen kaum noch gedruckte Zeitungen lesen, sollte doch alle jene, die Zeitungen in gedruckter Form produzieren, dazu motivieren, dies zu ändern. Die gedruckte Zeitung ist eben aufgrund ihrer Überschaubarkeit und des begrenzten Umfangs von speziellem Wert - wider die unendliche Informationsflut im Netz ein Kulturgut der Orientierung.

Christian Vranek ist Kulturmanager. 2009 gründete er das Beratungsunternehmen Culture Creates Values, davor war er unter anderem am Aufbau des Festspielhauses St. Pölten beteiligt und an der Musikuniversität Wien in leitenden Funktionen tätig. 
- © Gerlinde Miesenböck

Christian Vranek ist Kulturmanager. 2009 gründete er das Beratungsunternehmen Culture Creates Values, davor war er unter anderem am Aufbau des Festspielhauses St. Pölten beteiligt und an der Musikuniversität Wien in leitenden Funktionen tätig.

- © Gerlinde Miesenböck

Diesem, gepaart mit Qualität, Anspruch und Niveau sollte man auch aus der bildungspolitischen Dimension viel mehr Beachtung geben. Für zig Milliarden Menschen hat sich durch das Internet und digitale Medien eine neue Welt samt Geschäftsfeldern erschlossen, mit vielen positiven Effekten. Aber es gibt eben nicht nur die digitale Welt, sondern auch eine analoge. Das gilt es gerade in unserer Verantwortung den jüngeren Generationen zu vermitteln und deren Werte bewusst zu machen. Und gerade weil viele Menschen fast nur noch hinter Bildschirm, Tablet, Smartphone etc. agieren, bleibt trotzdem das Analoge von Bedeutung.

Bezogen auf die "Wiener Zeitung" und ihre Zukunft ist sie eine Voraussetzung, um nicht in der Informationsflut des Internets unterzugehen. Und parallel zur Erweiterung der Leserschaft bieten sich auch inhaltlich spannende und wichtige Perspektiven. Eine Erweiterung und ein Ausbau der Berichterstattung zu den Bereichen Wissenschaft und Forschung - Universitäten und Fachhochschulen, Bildung und Ausbildung - sowie Informationen aus den Bundesländern, inklusive Kunst und Kultur, wären doch mehr als wünschenswert, weil dies im Panorama nicht wirklich von einer Tageszeitung abgedeckt wird, aber es einen Bedarf an österreichweiter Berichterstattung gibt. Es würde die "Wiener Zeitung" insgesamt aufwerten.

Unabhängig berichten

Universitäten und Fachhochschulen tun sich mit der Berichterstattung einfach schwer, ja vielleicht ist der Wissenschaftsjournalismus das beste Beispiel, warum unabhängiger Journalismus so von Bedeutung ist - er funktioniert anders nicht, im Übrigen auch in anderen Bereichen. Überall, wo Geld fließt, ist das Klima verändert, das bemerkt man auch beim Lesen. Und es sollte ja im Interesse des Staates liegen, über die so vielfältigen Bereiche in Sachen Wissenschaft und Forschung unabhängig zu berichten.

Beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach zum Beispiel beschäftige sich eines der Podien im Rahmen der Technologiegespräche mit den Gründen für die in Österreich im Europäischen Vergleich sehr hohe Wissenschaftsskepsis. Fundierte Berichterstattung könnte dabei mehr Verständnis und Zugänge wider die Wissenschaftsskepsis schaffen sowie andererseits die so viel beschworene "Third Mission" von Universitäten und Fachhochschulen unterstützen und fördern. Studien, wie sie etwa in Bezug auf digitales Lernen und die damit verbundenen Risiken und Folgen bereits vorliegen, hätten einen Raum, um journalistisch und unabhängig präsentiert zu werden. Wenn das kein Wert ist?

Aber auch für den Kunst- und Kulturbetrieb sollte Raum sein zur ausführlichen und österreichweiten Berichterstattung betreffend Veranstaltungen und Ausstellungen inklusive der stark in Bedrängnis geratenen sogenannten freien Szene. Österreich hat hier über Wien hinaus quer durch alle Bundesländer viel zu bieten. Kunsthaus Bregenz, Klangspuren Schwarz, Rauriser Literaturtage, Musikforum Viktring, Liszt-Festival Raiding, Nitsch-Museum, Kinderoper Wien, aber auch so große Häuser wie das Musiktheater in Linz oder die Oper Graz, um aus jedem Bundesland einen Kunstbaustein herauszugreifen, und natürlich viele, viele mehr - auch Veranstaltungen der freien Szene - verdienen Rezensionen.

Über die kulturelle Berichterstattung kann wiederum überregionales Interesse geschaffen werden, was in weiterer Folge neues Publikum anspricht und auch regional zur touristischen Belebung führt. Potenzielle Zielgruppen zu vergrößern, bedeutet aber eben auch, neue Leserkreise erschließen können - und das sollte eine erweiterte Ausgabe der "Wiener Zeitung" als Printversion dann erst recht rechtfertigen -, und zwar bundesweit. Ein Kulturanzeigenteil könnte etabliert werden, für Bildungsangebote von allgemeinem Interesse, Vorträge und Symposien an Universitäten, die ja zu einem Teil vor wenig Publikum und dann meist in Blasen stattfinden.

Hinweise auf Veranstaltungen von überregionalem Interesse - das würde auch automatisch zu einer Durchmischung des Publikums führen, und endlich hätten kleine, feine Formate auch eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, ohne auf die sogenannte Aufmerksamkeitspauke trommeln zu müssen. Dieses Kleine, Feine ist in vielen Bereichen ein Merkmal unserer Hochkultur - wir sollten es unterstützen und fördern. Oft haben diese Initiativen, Festivals, Veranstaltungsformate einfach nicht die Kapazität, um auf sich - dem Inhalt und der Qualität entsprechend - aufmerksam zu machen. Unsere Kultur hat das mittlerweile aber notwendig - dringend notwendig.

Kulturmarke Österreich

Die Kulturmarke Österreich sollte nicht weiter an Wert verlieren. Gerade deshalb ist es nicht egal, wie und in welcher Form die "Wiener Zeitung" bestehen bleibt. Denn Zeitungen sind eines der Aushängeschilder eines Landes, das sollten wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Kultur ist immer Arbeit und oft auch mit Kritik - also Unterscheidung - verbunden. Kritik und Kritikfähigkeit sind wichtige Werte, ja eigentlich eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Debatten und Diskussionen zu führen, zu verfeinern und zu verbessern im Sinne einer gesunden Demokratie.

Vieles steht in diesem Zusammenhang in unserem Land nicht zum Besten. Eine breite und bunte Medienlandschaft bietet nicht nur den Raum zur Meinungsvielfalt, sondern auch zur Stärkung der eigenen Urteilskraft. Fundierte Kritik als ganz wesentlicher Bestand einer Kulturgesellschaft hat deshalb einen so schweren Stand, weil sie eben auch unangenehm sein kann. Sie gehört zum Immunsystem einer Demokratie. Unsere Geschichte des 20. Jahrhunderts sollte uns ein Mahner für alle Zeiten sein, etwas schönzureden, wo es nichts schönzureden gibt. Dem müssen wir uns als Gesellschaft/Gemeinschaft stellen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern - möge eine "Wiener Zeitung" in neu erblühter Form dazu ihren Beitrag leisten. Daran gilt es zu arbeiten - durchaus im eigenen Interesse.