• vom 28.10.2014, 21:29 Uhr

Kindergarten

Update: 29.10.2014, 19:53 Uhr

Gastkommentar

Ja, die Ausbildung von KindergartenpädagogInnen gehört an die Universität




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Was also ist aus den Südtiroler Ergebnissen zu lernen? Einerseits braucht es eine praxisfähige Ausbildung, die "stummes Erfahrungswissen" (tacit knowledge) der PraktikerInnen reflektiert und zur Sprache bringt. Diesen Herausforderungen scheint die tradierte Lehrkultur noch nicht vollends zu genügen, da sie zu stark auf Wissensvermittlung und Prüfungsstoff fokussiert. Die Südtiroler Studie wirft die methodische Frage auf, welche Ausbildungskonzepte die Persönlichkeitsentwicklung fördern und die KindergartenpädagogInnen zu Handlungskompetenz befähigen. Mit dieser Zielsetzung tritt der Südtiroler Kindergarten an die Universität heran. Die Studie ist auch als Bemühung zu werten, den Lehrkörper der Bildungswissenschaften für die Anliegen der frühen Kindheit zu gewinnen und die fünf Studienjahre des Masterlehrganges bestmöglich auf die kindlichen Entwicklungsbedürfnisse auszurichten und wissenschaftliche Theorien praktisch fruchtbar zu machen. Die daraus erwachsende politische Debatte ist für die langfristige Lösungsfindung ebenso wichtig wie die Frage, was Kindergärten an akademischem Know-how für die Bewältigung der komplexen Zukunftsaufgaben brauchen.

Die Frage, ob Kindergarten und Uni zusammen gehören, stellt sich dabei allerdings nicht, denn dass die Universität den zukünftigen Fachkräften Lehr- und Lernchancen bietet und das Forschungspotential erhöht, darüber sind sich alle einig.

Nicht nur an der Uni wird Wissen produziert

Als Antwort auf die Frage nach Verbesserungsmöglichkeiten wird in Südtirol nun der Kreislauf-Ansatz "Multiversität" diskutiert, der seit den 1990er Jahren an der Uni Berkeley in Kalifornien entwickelt wurde. Er geht davon aus, dass die Universität nicht der einzige Ort ist, an dem  Erfahrungswissen produziert wird – im Prinzip kann dies in jedem Lern- Spiel- und Lebensraum geschehen. In der pädagogischen Praxis wird "schweigendes Erfahrungswissen" im Tun erworben, das an der Uni reflektiert und mit anderen Ansätzen verglichen werden muss, um dann neu und bewußter in die Praxis zurückzukehren. Dann beginnt der Kreislauf, der nie abzuschliessen ist, von neuem. Universität ist in dieser Sichtweise nicht ein privilegierter Ort, sondern steht im Kreislauf mit der Praxis, ja kann ohne sie genausowenig sein wie die Praxis ohne theoretische Reflexion.

In Südtirol jedenfalls fordert derzeit der Kindergarten die öffentliche Diskussion über diesen Kreislauf von Erfahrung und Wissen, von Praxis und Theorie, von pädagogischem Feld und wissenschaftlicher Lehre ein. Er stellt damit die Universität vor keine geringe Aufgabe, nämlich sich auf die paritätische Ebene des Dialoges einzulassen.  Ein vertiefter Austausch der Südtiroler Erfahrungen mit der österreichischen Diskussion wäre aufgrund der Gleichzeitigkeit der Debatte über die Kernthemen der frühen Bildung und die Vorreiterrolle der universitären Ausbildung ein großer Gewinn für alle Seiten.

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Dokument erstellt am 2014-10-28 21:34:14
Letzte Änderung am 2014-10-29 19:53:54


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