• vom 12.08.2016, 17:40 Uhr

Schule


Schule

Nie mehr Schule




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Marina Delcheva

  • Jeder Zehnte bricht die Schule ab. Ausbildungspflicht erreicht nicht alle, die sie bräuchten.



Wien. 16.000. So viele Jugendliche zwischen 15 und 17 haben derzeit keinen Ausbildungsplatz und haben damit ihren Bildungsweg frühzeitig beendet. Für ihre Zukunft bedeutet das schlecht bezahlte Jobs, prekäre Arbeitsbedingungen und sehr viel Zeit im Warteraum des Arbeitsmarkservice (AMS). Die heuer beschlossene Ausbildungspflicht bis 18 Jahren solle eben diese Gruppe im Bildungssystem halten. Allein, jene, die weiterführende Bildung am nötigsten hätten, sind am schwierigsten zu erreichen.

Rund 21.000 Österreicher zwischen 15 und 17 Jahren haben höchstens einen Pflichtschulabschluss. Nur 13 Prozent von ihnen beginnen innerhalb von zwei Jahren eine Ausbildung. Das zeigt eine Studie im Auftrag mehrer Ministerien. Die heuer beschlossene Ausbildungspflicht für Jugendliche bis 18 Jahren gilt für all jene, die im Schuljahr 2016/2017 ihre Schulpflicht beenden.


Das Ziel dabei: Kein Jugendlicher in Österreich soll vor Vollendung der Volljährigkeit ohne einen Abschluss oder zumindest einen Lehr- oder Ausbildungsplatz aus dem Bildungssystem ausscheiden. Für all jene, die schon heuer aus dem System ausgeschieden sind, wird es deutlich schwieriger, doch noch zu einem Abschluss oder einer Ausbildung zu kommen.

Umfeld bestimmt Schulerfolg
Österreich hat im Vergleich mit anderen EU- und Industriestaaten ein sehr selektives Bildungssystem. Laut einer Studie der OECD - Organisation der Industriestaaten - erreichen in Österreich nur 29 Prozent der Schüler einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Bildung ist hierzulande also besonders stark vererbbar.

Besonders betroffen sind laut Studienautor Mario Steiner Jugendliche mit nicht-deutscher Muttersprache. Von ihnen scheiden 30 Prozent frühzeitig aus dem Bildungssystem. Der österreichweite Schnitt liegt bei 13 Prozent (siehe Grafik). In der Hälfte der Sonderschulen sind mindestens 85 Prozent frühe Bildungsabbrecher - nicht einmal ein Sechstel der Schüler wechselt in eine weiterführende Schule, weil sie das mit einem Abschluss nach Sonderschullehrplan auch gar nicht dürfen. Das zeigen die Daten des Nationalen Bildungsberichts 2015.

Die Gründe für den Schulabbruch sind vielfältig, erklärt Maximilian Fischer vom AMS für Jugendliche in Wien: "Pflegebedürftige Eltern, ein Todesfall im engsten Familienkreis, mangelnde Deutschkenntnisse, ein sehr problematisches Umfeld." Je länger diese jungen Menschen ohne Ausbildung und Job bleiben, desto schwieriger werde es, sie wieder in geordnete Bildungs- oder Arbeitsverhältnisse zu bringen. Viele hätten auch gravierende Wissenslücken und mangelhafte Fähigkeiten. Manche seien nach zwei, drei Jahren zu Hause nicht einmal versichert. Hier versuche das AMS über Schulungen oder gemeinsame Projekte, bei denen Jugendliche gezielt, etwa in Parks, angesprochen werden, entgegenzuwirken.

Flüchtlinge eher benachteiligt
Steiner kritisiert gegenüber der APA, dass man mit den bestehenden Maßnahmen die Jugendlichen, die es am dringendsten bräuchten, kaum erreiche. Zudem sei das bestehende Bildungssystem weniger auf Förderung der Talente und mehr auf Sanktion und Selektion aus. Damit die Ausbildungspflicht fruchte, brauche es auch eine Schulpflicht bis 18 Jahren, damit man junge Menschen möglichst lang in Ausbildung hält.

Eine Gruppe, für die die Ausbildungspflicht nicht gilt, sind Asylwerber, solange sie keinen positiven Asylbescheid haben. Das Sozialministerium nimmt für sie mehr Mittel für Deutschkurse und Bildungsmaßnahmen in die Hand. Jugendliche Flüchtlinge nicht komplett zu verlieren, sei jedoch eine besonders schwierige Aufgabe, meint Terezija Stoisits, die für Kinder und jugendliche Flüchtlinge im Bildungsministerium zuständig ist.

"Asylwerber, die mit 15 kommen, fallen oft nach einem Jahr aus dem Schulsystem heraus, weil die Schulpflicht vorbei ist", sagt sie. Vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge landen oft ohne Ausbildung und ohne Schulplatz in den heimischen Parks und im Warteraum des AMS.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-12 17:44:04


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Forscher in Österreich sind überdurchschnittlich zufrieden
  2. Mehr Hilfe für Brennpunktschulen
Meistkommentiert
  1. Mehr Hilfe für Brennpunktschulen
  2. Forscher in Österreich sind überdurchschnittlich zufrieden

Werbung




Werbung