• vom 21.01.2018, 10:30 Uhr

Schule

Update: 22.01.2018, 15:01 Uhr

Future Challenge

Im ewigen Chill-Modus




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Von Cathren Landsgesell

  • Future Challenge
  • Ist Arbeit überhaupt etwas für "Tyrannenkinder"? Ein Interview mit der Erziehungsberaterin Martina Leibovici-Mühlberger.

Die "reichen postmodernen Technologiestaaten produzieren Kinder, die nicht autonomiefähig sind", sagt Leibovici-Mühlberger.

Die "reichen postmodernen Technologiestaaten produzieren Kinder, die nicht autonomiefähig sind", sagt Leibovici-Mühlberger.© Maurizio Gamberini/dpa Die "reichen postmodernen Technologiestaaten produzieren Kinder, die nicht autonomiefähig sind", sagt Leibovici-Mühlberger.© Maurizio Gamberini/dpa

"Wiener Zeitung": Sie haben gerade Ihr zweites Buch über "Tyrannenkinder" vorgelegt. Sie schreiben, diese Kinder und Jugendlichen seien das Ergebnis einer narzisstischen Konsumgesellschaft. Was heißt das konkret?

Martina Leibovici-Mühlberger:Das eigentliche Problem ist der Erziehungsnotstand auf Seiten der Eltern. Sie ziehen sich vielfach in die Rolle von Moderatoren, Begleitern, Freunden, Kumpels oder Steigbügelhaltern zurück, aus lauter Angst, sonst dem alten autoritären Profil zugerechnet zu werden. Sie vertrauen auf die Selbstregulation des Kindes und auf maximale "Talenteförderung". Damit sind die Kinder überfordert. Sie werden zu "Tyrannenkindern". Sie sind die eigentlichen Dissidenten der Gesellschaft, indem sie der versagenden Elterngeneration den Spiegel vorhalten: Sie haben gravierende Mängel in den Bereichen Selbstorganisation, Selbstmanagement und Impulskontrolle. Sie haben nie gelernt, die Erfüllung eines Bedürfnisses zu verschieben, sich selbst zu organisiere, ihr Leben zu strukturieren. Wir produzieren rund 9000 Jugendliche pro Jahr, die nicht mehr autonomiefähig sind.

Information

Zur Person

Martina Leibovici-Mühlberger
Die Gynäkologin, Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin hat mit "Der Tyrannenkinder-Erziehungsplan" ihr neuntes Buch vorgelegt. Die Autorin diskutiert am 24. Jänner im Ringturm in Wien im Rahmen der Future Challenge Leben 2030 mit Goran Maric (ThreeCoins) und Stefan Patak (whatchado) zum Thema "Arbeit 2030".


Ist das ein Problem vor allem von reicheren Kindern?

Durchaus nicht. Es ist ein Problem der reichen, postmodernen Technologiestaaten. Diese Spaßgesellschaft prägt auch das gesellschaftliche Grundklima. Das nimmt in den unterschiedlichen sozialen Schichten eine andere Form an, aber es ist als Umgangskultur für alle verbindlich. Das wird dann später, wenn es um Arbeit geht zu einem Problem: Sie haben grundlegende Kompetenzen nicht. Sie können nicht pünktlich sein, sie haben keine Ausdauer. Dafür fehlt ihnen die Motivation, der Antrieb und auch die Fähigkeit, vorausschauend, planerisch, konsequenzhaft zu denken. Sie bleiben ewig in diesem Chill-Modus.

Braucht man noch Selbstdisziplin in einer Welt, in der es für fast alles eine App gibt?

Der Punkt ist ja, dass diese Technologien sehr viel möglicherweise wertvolle Rückmeldung geben, aber ich muss das ja auch umsetzen. Dafür brauche ich Selbstdisziplin. Die Tyrannenkinder haben nichts von dem ganzen Input. Sie wissen, was sie tun müssten, aber sie bringen die Energie nicht dafür auf, oder es ist nicht chillig genug. Sie verlieren ihre Lehrstellen, weil sie einfach von fünf Tagen zwei Tage aus irgendwelchen Gründen nicht können oder verschlafen.

Wie Überstunden und Burnout zeigen, ist unsere Gesellschaft aber anscheinend doch stark leistungsorientiert.

Wir sind eher eine Erfolgs- als eine Leistungsgesellschaft. Wie ich zum Erfolg komme, ist gar nicht so wichtig, Hauptsache ich habe Erfolg. Den kann ich auch durchaus auf dubiose Weise erwerben. Das ist die allgemeine Haltung. Wenn man sich die Berufswünsche der Jugendlichen ansieht, dann gehen die nicht mehr in Richtung Wissenschaft oder etwas anderes Mühsames, sondern der Wunsch ist, dass man berühmt ist, und zwar ganz schnell, das ist das Wichtigste.

Welche Fähigkeiten werden Jugendliche für die Arbeitswelt von morgen aus Ihrer Sicht brauchen?

Wir brauchen einen reflexiven Menschen, der ein Teamspieler ist und sein Kompetenzportfolio nach jeweiligen Anforderungen neu clustern kann. Das ist jemand, der sich immer wieder selbst neu erfinden kann; jemand, der Führung übernehmen und sie auch wieder abgeben kann, wenn das notwendig ist. Wir müssen weg von dem "homo sapiens bestialis" hin zu einem "homo sapiens socialis". Das ist der Arbeitnehmer der Zukunft.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-19 16:32:10
Letzte Änderung am 2018-01-22 15:01:23


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