• vom 23.04.2018, 12:28 Uhr

Schule

Update: 25.04.2018, 11:43 Uhr

Schule 18/19

"Man kann nicht so viele neue Fächer schaffen"




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Von Cathren Landsgesell und Ina Weber

  • Politische Bildung und Digitalisierung sollen keine eigenständigen Fächer werden, sondern weiterhin Teil bestehender Fächer sein. Bildungsminister Heinz Faßmann sieht keinen Bedarf einer grundlegenden Änderung.

Heinz Faßmann im März 2018 im Bildungsministerium. - © Christoph Liebentritt

Heinz Faßmann im März 2018 im Bildungsministerium. © Christoph Liebentritt

"Wiener Zeitung": Herr Bildungsminister, anders als im Regierungsprogramm angekündigt, sollen "Staatskunde und Politische Bildung" keine eigenen Fächer werden, sondern Teil des Geschichtsunterrichts bleiben. Was sind die Gründe für diese Entscheidung?

Sieht keinen Änderungsbedarf: Bildungsminister Heinz Faßmann

Sieht keinen Änderungsbedarf: Bildungsminister Heinz Faßmann© Christoph Liebentritt Sieht keinen Änderungsbedarf: Bildungsminister Heinz Faßmann© Christoph Liebentritt

Heinz Faßmann: Bisher war man der Ansicht, dass Historiker ohnehin so etwas wie "Politische Bildung" unterrichten, deshalb ist es jetzt so, dass "Politische Bildung" in Geschichte in der siebten und achten Klasse Oberstufe unterrichtet wird und an den Berufsschulen im Ausmaß von einer Wochenstunde. Im Regierungsprogramm steht, dass man vor dem Hintergrund der Zuwanderung lieber mehr "Politische Bildung" hätte, um die Prinzipien des liberalen säkularen Staates zu erklären. Man muss aber überlegen, ob man das nicht abermals verstärkt in den Geschichtsunterricht zum Beispiel über entsprechende Stunden oder entsprechende Curricula einbringt. Für ein neues, ganz eigenständiges Fach haben wir nicht die finanziellen Ressourcen, fürchte ich.

Information

Zur Person

Heinz Faßmann, geboren 1955, ist seit 8. Jänner 2018 Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Der studierte Geograf war Professor für Geografie an der TU München und seit 2000 an der Universität Wien, deren Vizerektor er 2011 wurde. Faßmann ist außerdem Direktor am Institut für Stadt und Regionalforschung der ÖAW. 2009 bis 2016 war er Mitglied des "Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration" und seit 2010 Vorsitzender des "Expertenrats für Integration" des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres. Ab 2014 war er Mitglied des "Migrationsrats für Österreich" ("Migrationskommission") des Innenministeriums.

Dieses Interview ist als Teil unserer Bildungsbeilage "Schule 18/19" erschienen. Die komplette Beilage können Sie hier downloaden.

Welche Kompetenzen sollen in "Politischer Bildung" vermittelt werden?

Das sind zum einen Inhalte, die eher zur Staatsbürgerkunde gehören: ‚Wie funktioniert die Nationalratswahl?‘, ‚Wie entsteht ein Gesetz?, ‚Was muss ich tun, wenn ich eine politische Partei gründen möchte?‘, und so weiter. Dazu kommen alle Fragen, die Ideologien betreffen: ‚Was bedeutet Sozialismus oder Nationalismus?‘ Und man möchte den Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass ihre Handlungen immer auch politische Handlungen sein können. Jede Konsumentscheidung kann auch eine politische Entscheidung sein. Kaufe ich mir ein regionales Produkt oder eines, das in der Dritten Welt produziert wird? Das ist auch ein Ziel der Politischen Bildung: zu vermitteln, dass Politik nicht nur das ist, was man im Fernsehen, in den Nachrichten sieht, sondern dass man selbst auch ein politisch agierendes Lebewesen ist in einer Demokratie.

Sehen Sie Anknüpfungspunkte zur digitalen Bildung, etwa in Bezug auf Medienkompetenz, Stichwort "Fake News"?

Ja, es ist heute so, dass durch die neuen sozialen Medien das Beeinflussen der Öffentlichkeit leichter wird. Man kann bloggen, man kann interessante Webpages oder Facebook-Seiten produzieren. Es wird leichter, politisch zu agieren, aber wir müssen auch die Kompetenzen vermitteln, damit umzugehen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das in einem Unterrichtsfach "Politische Bildung" passieren muss, oder ob das nicht in so genannte traditionelle Fächer gehört. Der Umgang mit Text und mit Textsorten wäre etwas Klassisches für den Deutschunterricht, nicht? Der Umgang mit dem Internet, mit Facebook wäre etwas, das wir in
die digitale Grundbildung, die es seit Herbst 2017 gibt, hineinbringen möchten. Man kann nicht so viele neue Fächer schaffen.

Welche konkreten Pläne gibt es für die Inhalte, die im Rahmen der digitalen Grundbildung vermittelt werden sollen?

Es gibt konkrete Lehrpläne. Digitale Bildung kann entweder integrativ, also als Teil des Unterrichts gemacht werden, oder als Übung in einem Ausmaß von zwei bis vier Stunden in der Woche. Wenn digitale Bildung integrativ als Teil des Fachunterrichts vermittelt wird, können die Fachlehrer und Fachlehrerinnen selbst Schwerpunkte setzen: Bestimmte Inhalte werden eher Germanisten machen, andere, die stärker Informatikkompetenz verlangen, vielleicht die Mathematiker. Wenn digitale Bildung als Übung unterrichtet wird, muss es eine andere Übung verdrängen, denn es muss für uns letztlich kostenneutral sein.

Seit Herbst letzten Jahres gibt es schon den "digi.check" für Pädagogen. Haben Sie dazu schon Feedback?

Das wissen wir nicht, da der digi.check anonym ist. Jeder kann für sich schauen, wo er digital steht. Ist man auf Stufe eins oder schon im Olymp?

Was müssen denn Pädagogen und Pädagoginnen im Bereich digitale Medien wirklich können? Was ist aus Ihrer Sicht wesentlich?

Wesentlich ist es die, neuen Medien in den Unterricht zu integrieren. Sich also zu fragen, wie kann ich die digitalen Möglichkeiten nutzen, um meinen Unterricht besser, zeitgemäßer und angepasster auf die lebensweltliche Realität der Schüler und Schülerinnen aufzubereiten? Das zweite ist: Wie kann ich das Handy, mit dem die Kinder ununterbrochen beschäftigt sind, in die Unterrichtsrealität hineinbringen? Man könnte es zum Beispiel für die Recherche nutzen. Recherchieren zu können, erschiene mir als eine wesentliche Kompetenz – statt zu sagen ‚Gebt alle euer Handy ab!‘ Dann wird man auch darüber diskutieren, wie die Suchergebnisse zustande kommen. Dann muss man entscheiden, was ist fake und was ist real. Der Unterricht kann besser werden.

Nicht alle Schulen sind ausreichend mit digitaler Infrastruktur ausgestattet. Welche Pläne gibt es da?

Wir müssen schauen, dass die Schulen beim Breitbandausbau miterfasst werden, weil gerade im Bereich der Pflichtschule und im ländlichen Bereich die Versorgung noch nicht die allerbeste ist.

Wie viel Geld soll investiert werden?

Es ist schwierig, konkrete Zahlen zu nennen.

Beim Videowettbewerb der Wiener Zeitung mit dem Titel "Future Challenge", an dem Schüler aus ganz Österreich teilgenommen haben, wird von den Schülern oft die Frage gestellt, wann denn die volle Digitalisierung der Schule abgeschlossen ist. Wann ist es soweit?

Was heißt volle Digitalisierung?

Laptops, WLAN, 3D-Drucker, White Boards, Hologramme … Haben Sie hierzu eine Vorstellung?

Das ist alles mit Kosten verbunden. Ein 3D-Drucker ist nicht billig. Aber in den nächsten fünf Jahren werden wir sicher ein leistungsfähiges WLAN haben. Wir müssen auch schauen, dass die Ausstattung mit Computern up to date ist. Aber jedem Kind ein Tablet? – Ich bin skeptisch, ob das so unbedingt die Zuständigkeit der Schule ist.

Wer wäre dann zuständig dafür, dass alle den Zugang zu den Geräten haben und den Umgang damit üben können? Was muss denn die Schule leisten, wenn man etwa an den Wandel der Arbeitswelt denkt?

Es ist für mich keine Frage, dass eine HTL auch ordentliche CNC-Geräte braucht oder Maschinenroboter. Für spezifische Ausbildungsgeräte ist die Schule zuständig, aber allgemeine Dinge wie ein Laptop? Die Schule ist auch nicht für den Bleistift zuständig.

Ein kleiner Schwenk zur Sprache: Viele sagen, die Kinder lernen am besten Deutsch, wenn sie mit vielen zusammen sind, die gut Deutsch können. Was im Herbst umgesetzt wird, ist aber genau das Gegenteil. Da sind die Kinder, die nicht gut Deutsch können, in einer Klasse mit anderen, die auch nicht gut Deutsch können. Wie begründen Sie das?

Ich bestreite überhaupt nicht, dass man die Sprache am besten dort lernt, wo die Sprache gesprochen wird. Aber ich tue mir leichter, wenn ich vorher in einer konzentrierten Art und Weise bestimmte Grundbegriffe der Sprache, ihre Syntax usw. lerne. Wenn Sie in die USA fahren und überhaupt nicht Englisch können, dann werden Sie nach drei Wochen zurückkehren und weiterhin nicht Englisch können. Wenn Sie aber zuerst einen Englisch-Grundkurs machen, können Sie besser Englisch, wenn Sie zurückkommen. Das können Sie mir glauben oder nicht, aber es ist so.

Wien will schon im Herbst mit den Deutschklassen beginnen.

Das ist positiv, denn wir haben keinen guten Zustand, was Lesekompetenz betrifft. Da gibt es am Ende der vierten Klasse Unterschiede von zwei Jahren. Und in der achten Schulstufe hört man dann das übliche Klagen: 20 Prozent, plus minus, je nach Messung, können nicht funktionell lesen und verstehen nicht, was sie lesen. Und das betrifft natürlich abermals Kinder mit nichtdeutscher Mutter-, Umgangs- oder Familiensprache in einem erhöhten Ausmaß. Da muss man etwas tun.

Ist es aber nicht seltsam, wenn dann Acht-oder Neunjährige gemeinsam mit Sechsjährigen unterrichtet werden?

Es geht nur so. Man wird jahrgangsspezifisch aufgenommen, dann gibt es die Statusmessung. Nur wenige werden die ganzen zwei Jahre voll ausschöpfen. Man bleibt ja in der Klasse, und ab und zu muss man dann die Klasse wiederholen, weil man aufgrund des Status nicht in allen Fächern gleich kompetent sein kann. Aber so ein Fall, glaube ich, ist sehr selten.

Benachteiligt man damit Kinder mit Migrationshintergrund nicht noch weiter?

Ich möchte, dass es wirklich um die Kompetenz der Unterrichtssprache Deutsch geht. Die Frage der Staatsbürgerschaft sollte irrelevant sein, die Frage des Migrationshintergrunds sollte irrelevant sein. Es geht darum, ob man dem Unterricht folgen kann oder nicht. Wenn nicht, kommt man in eine Deutschförderklasse. Für diejenigen, die sich nur verbessern müssen, gibt es Deutschförderkurse.

An vielen Schulen, auch in Wien, gibt es Muttersprachenunterricht, weil man sagt, dass, wenn die Muttersprache gut passt, auch die zweite Sprache besser gelernt werden kann. Sehen Sie das auch so?

Das ist eine sprachwissenschaftliche These. Ich bin froh, dass wir in Österreich einen muttersprachlichen Unterricht haben. Österreich ist eine Ausnahme – etwas, was in Deutschland so nicht vorhanden ist. Das ist gut so, das erfasst auch relativ viele Schüler und Schülerinnen, und da ist auch gar nicht daran gedacht, das irgendwie abzudrehen oder zu verändern.

Die Unterstützung vom Bund wird es weiterhin geben?

Der muttersprachliche Unterricht – zum Beispiel in Türkisch oder Kroatisch – wird weiterhin angeboten. Das hat mit dem Integrationstopf nichts zu tun. Man hat die interkulturellen Teams angesichts der Flüchtlingsfrage geschaffen, um Konflikte in den Schulen zu besänftigen. Die große Flüchtlingswelle ist nicht mehr vorhanden. Wir sind in einem asylpolitischen Normalzustand, also muss man solche Maßnahmen auch wieder zurückfahren.

Die schon erwähnte Future Challenge hat das Thema "Leben 2030". Wie die Videos zeigen, sind Klimawandel und Umweltzerstörung wichtige Anliegen. Muss noch mehr passieren im Bereich Umweltbildung? Haben Sie das auf Ihrer Agenda?

Es ist ein Unterrichtsprinzip, und die Kinder sind sehr sensibel in dem Bereich. Da müssen wir wahrscheinlich gar nicht viel nachholen oder deren Interesse wecken. Grüne Ideen sind heute eigentlich auch in jeder politischen Partei verankert.

Haben Sie den ökologischen Fußabdruck der Digitalisierungsmaßnahmen der Schulen messen lassen?

Das ist sicher interessant, aber das habe ich noch nicht untersucht. Wir müssten sozusagen Produktions-, Energiekosten usw. untersuchen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Digitalisierung diese Kosten senkt.

Anscheinend kommt es aber auch zu Rebound-Effekten. Wenn etwa alle Schüler E-Books zusätzlich zu den normalen Büchern bekommen.

Beim Hybrid-Auto ist das auch so. Aber ich glaube schon, dass über die gesamte Digitalisierung, auch wenn sie energetisch sehr belastet, der ökologische Fußabdruck nicht sehr groß sein wird. Aber das ist nur meine Schätzung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-23 12:28:31
Letzte Änderung am 2018-04-25 11:43:10


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