• vom 23.04.2018, 14:36 Uhr

Schule

Update: 25.04.2018, 11:45 Uhr

Schule 18/19

Wie lernt man am besten Deutsch?




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Von Ina Weber

  • Das Vorhaben des Bildungsministeriums, Schüler ohne Deutschkenntnisse künftig bis zu zwei Jahre lang in eigenen "Deutschklassen" zu unterrichten, spaltet die Bildungslandschaft. Aber wie lernt man Deutsch am besten? Wir haben uns unter Sprachwissenschaftlern und Pädagogen umgehört.

Ein Schüler im Geschichtsunterricht an einer Schule in Wien. Deutsch müsse vor allem als Bildungssprache verstanden werden, sagt die Sprachwissenschaftlerin Inci Dirim. Diese zu beherrschen, fällt nicht nur Menschen aus dem Ausland schwer.

Ein Schüler im Geschichtsunterricht an einer Schule in Wien. Deutsch müsse vor allem als Bildungssprache verstanden werden, sagt die Sprachwissenschaftlerin Inci Dirim. Diese zu beherrschen, fällt nicht nur Menschen aus dem Ausland schwer.© Moritz Ziegler/Wiener Zeitung Ein Schüler im Geschichtsunterricht an einer Schule in Wien. Deutsch müsse vor allem als Bildungssprache verstanden werden, sagt die Sprachwissenschaftlerin Inci Dirim. Diese zu beherrschen, fällt nicht nur Menschen aus dem Ausland schwer.© Moritz Ziegler/Wiener Zeitung

Die Stimmen der Lehrenden und Forschenden des Bereichs Deutsch als Zweitsprache sind eindeutig: Das Vorhaben der Bundesregierung, ab Herbst sogenannte "Deutschklassen" einzuführen, sei keine gute Idee. Kinder würden dadurch in ihrer sprachlichen und gesellschaftlichen Entwicklung beeinträchtigt, heißt es in der Stellungnahme der Lehrenden der Universitäten Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien zum Bildungsprogramm der Bundesregierung.

In dem Papier wird kritisiert, dass in den Deutschklassen ausschließlich Sprach-und Werteunterricht, aber kein Fachunterricht vorgesehen sei. Damit fehle die altersgemäße Förderung fachlicher Kompetenzen. Beim Umstieg von der Deutschförderklasse in die Regelklasse seien Aufstiegsmöglichkeiten in die nächste Schulstufe zudem nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Kinder könnten so bis zu zwei Schuljahre verlieren und kämen im Extremfall mit acht Jahren in die 1. Klasse Volksschule. Die Professoren verweisen auf Studien, die den negativen Effekt von Rückstellungen belegen. Und: Die räumliche Trennung von Regelschülern führe zu sozialer Exklusion und frühzeitiger Stigmatisierung.
Die Bundesregierung sieht das anders. Die Schüler in Österreich würden bei internationalen Vergleichen wie Pisa in Punkto Lesekompetenz nicht besonders gut abschneiden. Nach der 9. Schulstufe ist für viele Endstation, vor allem für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, was wiederum den Zugang zum Arbeitsmarkt für diese Gruppe erschwert. Der Bildungsminister möchte das durch die Deutschklassen ändern.

Information

Dieser Artikel ist als Teil unserer Bildungsbeilage "Schule 18/19" erschienen. Die komplette Beilage können Sie hier downloaden.

"Jeder Lehrer ist Deutschlehrer"

Für die Germanistin Inci Dirim von der Universität Wien wäre eine Verschränkung von additiven und integrativen Maßnahmen optimal. "Additiv" bedeutet, dass die Deutschförderung zusätzlich zum Unterricht stattfindet, "integrativ", dass die Förderung in allen Fächern passiert, auch in Mathematik oder Sport. Für Dirim gibt es ein Schlagwort: "Jeder Lehrer ist Deutschlehrer". "Es hat sich gezeigt, dass integrative Maßnahmen besser funktionieren als fast ausschließlich additive wie im Regierungsprogramm vorgesehen", sagt die Germanistin. Integrative Fördermaßnahmen kämen im Regierungsprogramm kaum vor.

Der integrative Ansatz ist auch der Ansatz der Stadt Wien. Während das Bildungsministerium argumentiert, dass zu wenige Schüler den Aufstieg in die AHS-Oberstufe schafften, verweist die Stadt Wien auf die Erfolge ihres integrativen Weges. Ganz so einfach sieht es Germanistin Dirim nicht. Im Gegenteil: Wien habe bisher nicht gut integrativ gearbeitet. Und das ist nun Teil des Konflikts.

"Es gibt in Wien leider sehr viele Lehrkräfte, die überhaupt keine Ausbildung im Deutschförderbereich haben, sich nicht einarbeiten und auch keine Fortbildungen genießen konnten", sagt sie. "Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass in Wien alle Unterrichtskräfte wissen, wie man mit Deutsch als Zweitsprache umgeht."

Dirim, die "Deutsch als Fremd-und Zweitsprache" lehrt, erzählt, dass sie kürzlich von einer Lehrerin gefragt wurde, wie sie mit einem jungen Mann aus Syrien, der kurz vor der Matura stand, umgehen solle. Dieser habe in der kurzen Zeit, in der er in Österreich ist, nur wenig Deutsch lernen können. "Die Lehrerin hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was man machen könnte", so Dirim. In dieser Situation sei es aber schon zu spät. "Wir haben bereits ein Systemproblem. Das System fordert eine Deutsch-Matura, da kann auch die Lehrkraft nicht mehr viel machen." In Wien gibt es laut Dirim engagierte Lehrkräfte, die sich eigenständig eingearbeitet haben und versuchen, die Schüler zu fördern, aber man könne von keinem guten System sprechen. "Wenn es diese engagierten Lehrkräfte nicht gäbe, dann würde wohl eine Katastrophe entstehen."

Von einer echten integrativen Methodik sei man in Wien im Vergleich zu Deutschland noch sehr weit entfernt: "Ich habe vor kurzem eine Schule, in der 99 Prozent der Schüler Deutsch als Zweitsprache haben, besucht. Keine einzige Lehrkraft hatte dort je mit einer Fördermethode zu tun oder wusste etwas darüber. Es gab Vorurteile und Unklarheiten über Begriffe."

Deutsch nicht nur für Migranten

Aus Dirims Sicht ist es notwendig, alle Lehrkräfte im Bereich Deutschförderung fortzubilden. Im deutschen Nordrhein-Westfalen sei es üblich, dass Lehrende eine entsprechende Zusatzausbildung an den Universitäten erhalten.

"Dort gibt es an jeder Universität ein ‚Deutsch als Zweitsprache‘-Modul, das Studierende aller Fächer besuchen müssen. Damit auch Mathematik-Studierende wissen, was der Unterschied zwischen Fachsprache und Bildungssprache ist, was es heißt, einen sprachsensiblen Fachunterricht zu machen, dass man nicht nur das Thema vermittelt, sondern auch immer einen sprachlichen Aspekt in den Vordergrund stellt."

Konkret kann das im Unterricht folgendermaßen aussehen. "Es wird zum Beispiel das Thema gesunde Ernährung bearbeitet und dabei werden auch Passivsätze in den Blick genommen. Wenn die Schüler zum Beispiel einen Text lesen, markieren sie die Passivsätze", so Dirim.

Deutsch müsse als Bildungssprache begriffen werden, sagt die Germanistin. Diese zu vermitteln, sei nicht nur für Kinder mit migrantischen Wurzeln, sondern ebenso für Menschen mit österreichischen Wurzeln wichtig.

Stichwort "Bildungssprache"

Das Modell der durchgängigen Sprachbildung, die Vermittlung von Bildungssprache in allen Schulfächern, ist nicht neu. Es stammt ursprünglich aus Deutschland und heißt FörMig (Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund).

Nicht nur Hamburg und Nordrhein-Westfalen, auch andere deutsche Bundesländer wenden es an. "Man hat dort festgestellt, dass es gar nicht mehr so einfach ist, zu sagen, wer Deutsch als Erstsprache und wer als Zeitsprache hat. Die Bildungssprache ist immer schwierig und muss immer angeeignet werden. Auch Kindern, die zu Hause deutschsprachig aufwachsen, ist sie nicht automatisch gegeben, sondern es kommt immer darauf an, in welchem Elternhaus sie aufwachsen, ob ihnen vorgelesen wird und was vorgelesen wird", so Dirim.

Die Bildungssprache ist von der Alltagssprache zu unterscheiden und sollte in allen Fächern berücksichtigt werden, nicht nur in Deutsch. In Hamburg wird jedes Jahr in jeder Schulklasse zu Beginn der Sprachstand erhoben, dann wird den Lernschwerpunkten entsprechend gefördert und am Ende des Schuljahres wird wieder der Sprachstand erhoben. Alle Daten werden der Schulbehörde geschickt und die Ergebnisse werden veröffentlicht.
Zurück nach Österreich. Wenn es darum geht, Deutsch zu lernen, hat die Deutschförderklasse laut Dirim einen schlechten Beigeschmack, "weil es sich sehr segregativ anhört".

In einem monolingualen Bildungssystem wie Österreich bräuchten Kinder, die die Bildungssprache deutsch nicht beherrschen, einige Stunden, wo die Kinder keine Angst haben müssen, dass sie ausgelacht werden, wenn sie ein Wort nicht kennen. Statt der Segregation sei es wichtiger, Fortbildungs-und Begleit-Programme in die Schulorganisation einzuführen. Eine umfassende Fortbildung für alle Lehrkräfte sei ausschlaggebend, und die Frage, wie in den unterschiedlichen Fächern gearbeitet werden kann.

Soziale Folgeprobleme

"Wir leben in einer Migrationsgesellschaft", so Dirim. "Viele Schüler sind in Wien aufgewachsen und haben direkt vor der Matura große Schwierigkeiten." Diese unterschiedlichen Sprachniveaus müssten Berücksichtigung finden, eine Deutschklasse könne das nicht leisten.

Auch Schüler mit einem so genannten "a.o.-Status" (außerordentliche Schüler sind solche, die dem Unterricht nicht folgen können) bräuchten rechtzeitig Förderung: Studien aus den USA und Deutschland haben laut Dirim gezeigt, dass die Aneignung der Bildungssprache rund fünf bis acht Jahre dauert.

Für die Basisbildnerin am Bildungsinstitut BFI in Vöcklabruck Andrea Jedinger ist es erantwortungslos, wenn Kinder "einfach in eine Klasse hineingeschmissen" werden, ohne dass sie ein Wort Deutsch können: "Ich stelle mir vor, wie es mir gehen würde, wenn ich in eine Klasse komme, wo alle nur Arabisch sprechen", sagt sie. "Am Anfang brauche ich einen Start", so die ehemalige Kindergartenpädagogin.

Jedinger unterrichtet derzeit Asylwerber im Erwachsenenalter. Sie bringt sie innerhalb von zwei Jahren auf das Sprachniveau B1, das der 6. Klasse einer Oberstufe entspricht. "Das heißt, sie können sich danach gut artikulieren, lesen, sich mitteilen." Jedinger hat eine Fortbildung in "Deutsch als Fremdsprache", die ihr "sehr viel gebracht" hat, wie sie sagt: "Zu allererst einmal Verständnis für jene Menschen, die zugewandert sind, Empathie-Vermögen." Grammatik sei nicht alles. Man brauche auch Mut, um zu reden. "Man wird daran erinnert, wie schwer es für einen selbst ist, eine andere Sprache zu lernen", so die Basisbildnerin. "Man lernt einen anderen Blickwinkel." Bei Kindern gehe das Lernen schneller als bei Erwachsenen. "Eine Zehnjährige spricht nach zwei Jahren perfekt Deutsch und dazu noch den Dialekt", sagt sie.

Sich wohlfühlen und gut begleitet sein

Damit der Spracherwerb gelingt, braucht es eine Gemeinschaft, in der man sich wohlfühlt und eine gute Begleitung, sagt Jedinger. Das Miteinander sei das Um und Auf, ist sie überzeugt. Die geplanten Sparmaßnahmen sind im Bildungsfall für Jedinger daher "höchst bedenklich". "Wenn man Kinder länger trennt, und das ist die Gefahr hier, dann entstehen verschiedene andere soziale Folgeprobleme", warnt auch Germanistin Dirim.





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Dokument erstellt am 2018-04-23 14:37:13
Letzte Änderung am 2018-04-25 11:45:27


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