• vom 21.05.2018, 08:00 Uhr

Schule

Update: 01.06.2018, 08:50 Uhr

Pädagogik

Lais-"Schulen" bestehen vorerst weiter




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Von Werner Reisinger

  • Bildungsminister Fassmann fühlt sich nur für Privatschulen, nicht für die dubiosen Lais-Lerngruppen zuständig.

Die "Weinbergschule" bei Seekirchen in Salzburg: Den Betreibern wurde eine "angemessene Frist" eingeräumt. - © ORF, Am Schauplatz

Die "Weinbergschule" bei Seekirchen in Salzburg: Den Betreibern wurde eine "angemessene Frist" eingeräumt. © ORF, Am Schauplatz

Sie sorgen nach wie vor für Aufregung und Kritik: die sogenannten Lais-"Schulen", die sich geschickt als Alternative zur Regelschule tarnen und damit immer mehr vom Schulsystem frustrierte Eltern ansprechen. In fast franchise-artiger Manier verbreitet sich das wundersame Konzept vom "natürlichen Lernen" in allen Bundesländern, Seminare und Workshops werden abgehalten, Lerngruppen oder gar "Schulen" entstehen. Wie die "Wiener Zeitung" im vergangenen Jahr aufdecken konnte, ist das Lais-Konzept von der russischen Schetinin-Schule und der ebenfalls russischen, völkisch-esoterischen Anastasia-Bewegung inspiriert. Bei Lais sollen Kinder von Kinder lernen, auch sogenannte "Schaubilder" werden verwendet. Entsprechend ausgebildete Lehrkräfte gibt es keine, ein pädagogisches oder didaktisches Konzept sucht man ebenfalls vergeblich.

Nicht alle Anhänger der Lais-"Schulen" sind im esoterischen Milieu zu verorten. Sektenexperten aber warnen seit Jahren vor dem Phänomen, das Alternative ebenso anzieht wie Personen mit Hang zu Verschwörungstheorien, (Rechts-)Esoterik – oder aus dem völkisch-rechtsextremen Milieu.

Monatelange "Prüfung der Lais-Methode"

Rein rechtlich gesehen agieren die Lais-"Schulen" in einem Graubereich. Sie funktionieren über das Recht auf häuslichen Unterricht mit jährlich Externistenprüfungen, ein Privatschulrecht im eigentlichen Sinne besitzt nur ein Projekt, die sogenannte "Weinbergschule" in Seekirchen am Salzburger Wallersee. Seit Jahren schieben sich die zuständigen Behörden gegenseitig die Verantwortung zu. Dass sich auch das ÖVP-geführte Bildungsministerium unter Heinz Fassmann nicht wirklich für die Lais-"Schulen" zuständig fühlt, zeigt nun die Beantwortung einer Anfrage an Fassmann des grünen Bundesrats David Stögmüller und seiner Kollegen.

Stögmüller wollte von Fassmann unter anderem wissen, wie viele Lais-Projekte es österreichweit gibt, wie viele Kinder und Jugendliche derartige "Schulen" besuchen – und ob und wenn ja, in welcher Form sich das Bildungsministerium mit dem Phänomen Lais beschäftigt.

Die Argumentation des Bildungsministers: Da es sich – bis auf die "Weinbergschule" – um keine Privatschulen handelt, seien "Fragestellungen nach Schulen, die nach der sogenannten ‚Lais-Methode‘ unterrichten, für den Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums (. . .) zu verneinen". Es würden deshalb weder Zahlen zu den Schülern noch zu den Lais-Projekten vorliegen. Ob die bei Lais verwendeten Methoden den pädagogischen Gesichtspunkten für einen ordnungsgemäßen Unterricht entsprechen, will der Bildungsminister nicht beantworten –und beruft sich auf das parlamentarische Interpellationsrecht.

Fall Weinbergschule: "Frist eingeräumt"

Bereits Fassmanns Vorgängerin, SPÖ-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid, ließ die Lais-Methode 2017 auf ihren pädagogischen Wert prüfen. Ergebnisse dazu liegen bis heute nicht vor. Das Bildungsministerium prüfe die Lais-Methode "unter anderem zum Zweck der Gewährleistung von tragfähigen Rahmenbedingungen für einen ordnungsgemäßen Unterricht an Schulen." Wie lange das noch dauern wird ist offen: "Ein konkretes Enddatum kann derzeit nicht angegeben werden", heißt es in der Anfragebeantwortung. Fassmann weißt allerdings darauf hin, dass bei der Externistenprüfung die angewendeten Lernmethoden keinen "Gegenstand dieser Prüfung" darstellen. Ob Fassmann diesen Umstand zu ändern sucht, wie dies einige Landesschulräte bereits eingefordert hatten, bleibt offen.

Einzig die Kritik von Bildungswissenschaftern und Sektenexperten ist dem Bildungsminister bekannt. Den Vorwurf der Untätigkeit bezüglich Lais will Fassmann nicht gelten lassen – und verweist auf die besagte "Weinbergschule". Die Berichterstattung der ORF-Sendung "Am Schauplatz" brachte vergangenen Herbst Bewegung in die Arbeit der Behörden. Seit dem läuft ein Verfahren auf Entzug des Öffentlichkeitsrechts, das die von der sektoiden "Gemeinschaft werktätiger Christen" geführte Schule 2006 verliehen bekam.

Ob es tatsächlich zu einer Schließung der Privatschule kommt, ist trotz mehrerer anhängiger Verfahren wegen möglicher Kindeswohlgefährdung und den inzwischen bekannten Praktiken alles andere als sicher. Entsprechen der Rechtslage sei den Schulbetreibern im Zuge des Aberkennungs-Verfahrens die "Beseitigung bestehender Mängel binnen angemessener Frist" eingeräumt worden, ist in einer weiteren Anfragebeantwortung an die Salzburger Grünen zu lesen. Aufgrund des anhängigen Verfahrens müsse von der Erteilung näherer Auskünfte Abstand genommen werden. Wo das Ministerium die Mängel genau sieht, bleibt aber offen. Durch die "Schauplatz"-Reportage sowie die Beobachtungen der Bundesstelle für Sektenfragen ist bekannt, dass die Kinder der "Weinbergschule" auch Kampfsport trainieren. Seit einigen Jahren ist der angebliche "Schetinin"-Absolvent Richard Kandlin, in der Lais-Szene aufgrund seiner Youtube-Vorträge wie ein Missionar bekannt, am Hof tätig. Die Schulleiter erhalten "Durchsagen" von göttlichen Instanzen, die Kinder werden von der Öffentlichkeit völlig abgeschottet.

Zahl der Kinder im "häuslichen Unterricht" steigt seit Jahren

Die umstrittene Kultschule erhält dank ihres Öffentlichkeitsrechts auch staatliche Subventionen. Immerhin rund 14.500 Euro flossen im Schuljahr 2016/17 an den "Zachhiesenhof", wo auch die meisten Eltern der Kinder der "Weinbergschule" wohnen. Auch für das laufende Schuljahr liege ein Förderantrag vor. Diesem sei jedoch aufgrund des laufenden Verfahrens bisher nicht entsprochen worden, heißt es in der Anfragebeantwortung des Bildungsministers. Die "eventuelle Auszahlung einer Förderung" wird Gegenstand weiterer Beratungen in Abhängigkeit der Ergebnisse der ermittelnden Behörden" sein. Alles wartet also auf den Salzburger Landeschulrat, der die Überprüfungen durchzuführen hat. Doch der schweigt.

Medienberichten zu Folge hat sich am "Zachhiesenhof" seit der "Am Schauplatz"-Reportage einiges verändert. So sollen einige der ansässigen Familien den Hof bereits verlassen haben, und zwar Richtung Ungarn, wo es ebenfalls entsprechende Siedlungsprojekte geben soll – auch solche, die von der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung inspiriert sind. Derzeit besuchen laut Anfragebeantwortung nur mehr 13 Kinder die "Weinbergschule". Die Schulleitung aber habe sich seit dem Schuljahr 2005/06 nicht verändert. Noch dürfen die "werktätigen Christen" ihre Schule weiter betreiben.

Dass die Zahl jener, die ihre Kinder aus dem Regelschulsystem nehmen, stetig zunimmt, zeigt eine vom Bildungsminister bei den Landesschulräten durchgeführte Erhebung. Im laufenden Schuljahr sind dies österreichweit 2320 schulpflichtige Kinder. Vor fünf Jahren waren es noch 1828 Kinder gewesen.





Schlagwörter

Pädagogik, Lais, Schule, Bildung, Esoterik

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-18 17:09:16
Letzte Änderung am 2018-06-01 08:50:16


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