• vom 25.07.2018, 16:19 Uhr

Schule

Update: 26.07.2018, 11:16 Uhr

Politische Bildung

Dürfen Lehrer politisch sein?




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Von Jan Michael Marchart

  • Seit ein FPÖ-Abgeordneter einen Vortrag in einer Linzer Schule abbrechen ließ, sind Politiklehrer stark verunsichert.




© Getty Images/fStop © Getty Images/fStop

Wien. Im März 2017 vibrierte das Handy des oberösterreichischen FPÖ-Abgeordneten Roman Haider vermutlich mehrmals. In der Nachricht waren Folien eines Extremismusvortrags, der zeitgleich an einem Linzer Gymnasium stattfand. Abgeschickt hatte sie sein Sohn. Haider rief den Schuldirektor an, der den Vortrag abbrach. Zu unrecht, wie später bekannt wurde.

Thomas Rammerstorfer, freier Autor und Finanzreferent der Grünen, referierte vor 70 Schülern der 8. Klasse über Salafisten, Staatsverweigerer, Graue Wölfe, aber auch über Burschenschaften und die FPÖ. "Es ist eine Frechheit, eine Parlamentspartei mit Extremismus in Verbindung zu bringen", sagte Haider. Der Vortrag sei "eine unfassbare Zumutung mit politischem Kalkül" gewesen. Sein Sohn habe diesen zwangsweise besuchen müssen.

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In Oberösterreich richteten die Freiheitlichen daraufhin eine Meldeplattform ein, die inzwischen inaktiv ist. Schüler wurden dazu aufgerufen, Fälle von "parteipolitischer Beeinflussung an Schulen" anonym zu melden.

Das ist der Widerspruch einer Partei, die die Grenzen des öffentlich Sagbaren zwar ständig strapaziert, aber ein Problem mit der grenzenlosen Redefreiheit in den Klassenzimmern hat, wenn sich die Kritik gegen sie richtet. Die Freiheitlichen fühlten sich diskriminiert, von Rammerstorfer sei das Neutralitätsgebot gebrochen worden. Den Extremismusexperten bezeichnet die FPÖ als "linksextrem" und "hetzerisch".

Politiklehrer sind verunsichert

Der Fall aus Linz sorgte für Wirbel und brachte einmal mehr die sensible Frage auf, was Politische Bildung ist und darf. Lehrer waren verunsichert, befürchteten noch stärker als bisher, sich angreifbar zu machen, wenn und wie sie Politik unterrichten. Darf ein Lehrer eine politische Meinung haben? Ab wann beeinflusst er seine Schüler? Solche Fragen kursierten verstärkt in Lehrerzimmern und auf Fortbildungsseminaren. Andere Lehrer verharrten fortan als Eigenschutz in einer Neutralität, die es im Politikunterricht gar nicht geben kann.

Philipp Mittnik - Leiter des Zentrums für Politische Bildung

Als Reaktion hat das Zentrum für Politische Bildung der Pädagogischen Hochschule Wien eine 52 Seiten starke Handreichung mit dem Titel "Was darf Politische Bildung?" veröffentlicht, um Lehrern mehr Sicherheit im Politikunterricht zu geben, "um so langfristig zu einem höheren Demokratieverständnis in der Gesellschaft zu gelangen", heißt es darin.

Wann ein Lehrer seine Schüler indoktriniert, entscheidet jedenfalls keine Partei, sondern ein von deutschen Linken und Konservativen hart erstrittener Grundsatz, der seit mehr als fünfzig Jahren gilt: der Beutelsbacher Konsens. Dieser besagt, dass Lehrer ihren Schülern keine Meinung anerziehen dürfen (Überwältigungsverbot), dass Themen kontroversiell unterrichtet werden müssen (Kontroversitätsgebot) und dass Schüler im politischen Prozess eigene Entscheidungen treffen können sollen (Interessenorientierung).




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Dokument erstellt am 2018-07-25 16:29:12
Letzte Änderung am 2018-07-26 11:16:58


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