• vom 03.08.2016, 19:00 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt

Update: 03.08.2016, 20:38 Uhr

Arbeitsmarkt

Ein kleines Puzzlestück zur Integration




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Von Michael Ortner

  • Welche Ausbildung bringen Flüchtlinge mit nach Österreich? Kompetenzchecks sollen Licht ins Dunkel bringen.

Beim Kompetenzcheck lernen die Flüchtlinge auch, wie ein Lebenslauf aussieht .

Beim Kompetenzcheck lernen die Flüchtlinge auch, wie ein Lebenslauf aussieht .© Stanislav Jenis Beim Kompetenzcheck lernen die Flüchtlinge auch, wie ein Lebenslauf aussieht .© Stanislav Jenis

Wien. Wie man Leder herstellt, weiß Malik. Wie man das Wort schreibt, fällt ihm allerdings gerade nicht ein. Er schlägt es auf einer Übersetzungswebsite nach und schreibt es danach unter "Berufserfahrung" in seinen Lebenslauf. "Mein Vater, mein Großvater und Urgroßvater waren bereits Gerber", erzählt der junge Syrer, der ein schwarzes Lederarmband trägt. Große Fußstapfen, in die Malik treten will. Den ersten Schritt hat er bereits in seiner Heimat Damaskus gemacht. Dort hat der 19-Jährige eine Lehre als Gerber begonnen. Wegen des Bürgerkriegs musste er sie aber unterbrechen. Er floh über den Libanon, die Türkei und Italien nach Österreich. Zwei Jahre lebt er bereits in Wien. Zum Abschluss seiner Ausbildung fehlt ihm noch ein Jahr.

Keine repräsentativen Daten

Bis Flüchtlinge beim Arbeitsmarkt Service (AMS) als arbeitslos aufscheinen, vergeht viel Zeit. Derzeit dauert ein Asylverfahren durchschnittlich siebeneinhalb Monate. Und das ist noch gar nicht das größte Problem. Denn die Länder, die Flüchtlinge aufnehmen, wissen nur wenig über ihr Bildungsniveau. "Das ist ein Stochern im Nebel", sagt der deutsche Bildungsökonom Ludger Wößmann (siehe Interview). Daher rief das Wiener AMS 2015 das Pilotprojekt "Kompetenzcheck" ins Leben, um mehr über die Qualifikation der Flüchtlinge zu erfahren. Voraussetzung zur Teilnahme sind ein positiver Asylbescheid, Deutsch in A1-oder A2-Niveau und die Meldung beim AMS.

Das Ergebnis erstaunte zunächst. 67 Prozent der syrischen, 73 Prozent der irakischen und 90 Prozent der iranischen Teilnehmer besitzen eine Ausbildung, die über die Pflichtschule hinausgeht. Viel schlechter gebildet sind hingegen die afghanischen Flüchtlinge, von denen nur zwei Prozent einen Beruf erlernt haben und ein Drittel überhaupt keine Schulbildung hat. Danach gab es - berechtigte - Kritik. Der Test mit seinen knapp 900 Teilnehmern, sei nicht repräsentativ für die aktuelle Flüchtlingswelle. Zudem bestehen gravierende Unterschiede zwischen dem syrischen, afghanischen und österreichischen Bildungssystem. Ein erstes Licht ins Dunkel warf das Pilotprojekt dennoch.

Crashkurs über Österreich

Seit Anfang Jänner haben 730 weitere Flüchtlinge in Wien den Kompetenzcheck durchlaufen. 5300 weitere sollen es bis Mai 2017 sein. Wer teilnimmt, entscheidet das AMS. Die Durchführung ist an elf Kursträger ausgelagert. An einer Volkshochschule im fünften Wiener Gemeindebezirk kümmert sich das Bildungsinstitut Murad & Murad darum. Es ist ein in die Jahre gekommener Zweckbau mit rotem Gummiboden und blauen Klappstühlen in den Gängen. In Raum 307 sitzen Malik und sieben weitere junge Syrer vor ihren Bildschirmen. Es ist es ihre zweite Woche. Sie lernen, wie hierzulande ein Lebenslauf aussehen soll, wie die neun Landeshauptstädte heißen, wie ein Mietvertrag aussieht und welche Berufe es in Österreich gibt.

Kompetenzcheck trifft es also nicht ganz. Es handelt sich vielmehr um einen fünfwöchigen Crashkurs, bei dem Flüchtlingen nähergebracht wird, wie Österreich funktioniert. Zudem gibt es wöchentlich Einzelgespräche, bei denen geklärt wird, welche Arbeitserfahrung die jungen Syrer und Afghanen mitbringen und welche Zeugnisse vorhanden sind. Am Ende steht ein Ergebnisbericht, den Murad & Murad an das AMS schickt. Ein kleines Puzzlestück zur Integration. "Wir wollen die Menschen auf Schiene zu einem österreichischen Bildungsabschluss bringen" sagt Sebastian Paulick vom AMS Wien. Damit sie auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance haben, ist dies das vorrangige Ziel.

500 bis 600 junge Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren haben bei Murad & Murad seit Jänner den Kompetenzcheck besucht. Eine erste Zwischenbilanz:. 40 Prozent der Syrer haben Matura oder eine abgeschlossene Ausbildung, der Rest nur einen Pflichtschulabschluss. Bei den Flüchtlingen aus Afghanistan hängt es davon ab, ob sie Zeit im Iran verbracht haben oder nicht. Denn das Bildungssystem im Nachbarland ist weit besser ausgebaut als im bürgerkriegsgebeutelten Afghanistan, wo sie meist nur bis zum Alter von zwölf Jahren eine Schule besuchen.

Neu gewonnene Freiheit

Teilnehmer mit einem abgeschlossenen Studium sind aufgrund des jungen Alters selten. Deshalb knüpft man an vorhandene Fähigkeiten an. In überbetrieblichen Lehrwerkstätten wird etwa ihr handwerklich-technisches Können überprüft. "Wenn ein junger Mann drei Schweißverfahren beherrscht, dann macht es Sinn, dass er die Module für zwei weitere Verfahren auch noch lernt", sagt Andrea Murad, Geschäftsführerin von Murad & Murad.

Doch auch dies birgt Hindernisse: Produktionsprozesse in Syrien und Afghanistan sind kaum mit denen hierzulande vergleichbar. "Selbst wenn die Person eine höhere formale Qualifikation hat, stellt sich die Schwierigkeit, wie man sie in Österreich übersetzen kann", gibt Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien zu bedenken.

Oft muss man die jungen Menschen auf den Boden der Tatsachen holen. "Viele Flüchtlinge wollen Friseur werden, doch der Markt in Österreich ist gesättigt", sagt Basem, der inhaltliche Projektleiter der Kompetenzchecks. In Syrien brauche man für einen Friseursalon nicht viele Dokumente. In Österreich dagegen ist alles stark reglementiert. Enttäuscht seien sie nicht, sondern überfordert: "Im Gegensatz zu Syrien können sie in Österreich viel mehr frei entscheiden. Das macht es manchmal auch schwierig."

Abschluss ist essentiell

Einen Stock höher, in Raum 406, steht österreichische Geschichte auf dem Programm. Vor den jungen Afghanen liegt ein A4-Blatt. Darauf: Österreich und die Bundesländer, daneben kleine Symbole für Pass oder Asyl. Ghasem kennt das alles, er ist bereits seit 2011 in Österreich. In Afghanistan hat er als Gärtner gearbeitet und Teppiche geknüpft. Er würde gerne Metalltechniker oder Automechaniker lernen, doch dazu braucht er einen Abschluss. "Ich besuche gerade die HAK in der Abendschule", erzählt er. Er wirkt niedergeschlagen, weil er viele Absagen bekommen hat. "Die Firmen nehmen meist nur Österreicher auf", sagt Ghasem.

Malik wird noch drei Wochen über die heimische Demokratie und Tücken im Mietvertrag erfahren. Danach will er so schnell wie möglich seine Gerber-Lehre abschließen - und einen Job finden. Die Chancen stehen gut: Seit Jänner sind 41 offene Stellen im Bereich "Ledererzeugung und -bearbeitung" gemeldet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-03 17:32:05
Letzte Änderung am 2016-08-03 20:38:18


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