• vom 08.02.2017, 17:38 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt


Asylwerber

Mehr gegeben als genommen




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Von Michael Ortner

  • Eine Studie zeigt: Asylberechtigte leisten einen positiven Beitrag zur Wirtschaft. Doch es gibt auch beunruhigende Effekte.

In die Qualifikation von Flüchtlingen in Österreich soll mehr investiert werden. - © dpa/Andreas Arnold

In die Qualifikation von Flüchtlingen in Österreich soll mehr investiert werden. © dpa/Andreas Arnold

Wien. Bisher tappte man weitgehend im Dunkeln, wenn es um den Beitrag von Asylberechtigten zur österreichischen Wirtschaft gegangen ist. Nun füllt eine von Caritas und Österreichischem Roten Kreuz (ÖRK) in Auftrag gegebene Studie diese statistische Lücke. Ein Team des Joanneum Research hat mit anonymisierten Versicherungsdaten aus der Arbeitsmarktdatenbank erfasst, welche Kosten und Nutzen Menschen mit positivem Asylstatus auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft haben. Das Ergebnis: Asylberechtigte zahlen mehr - im Schnitt sind dies 3050 Euro jährlich pro Person - in das heimische Sozialsystem ein, als sie durch Sozialleistungen wie etwa Mindestsicherung, Kinder- oder Arbeitslosengeld zurückbekommen.

Österreich profitiert
Grundlage der Studie sind 65.000 Personen, deren Arbeitskarrieren über einen Zeitraum von 15 Jahren untersucht wurden. Besonders unter die Lupe nahmen die Forscher 13.500 Personen, die bereits seit zehn Jahren in Österreich leben. Das Team um Ökonom Franz Prettenthaler konnte in dieser Datenbank etwa ablesen, wann jemand eine Beschäftigung angenommen hat, gekündigt wurde oder wie oft jemand arbeitslos war. Da jedoch die Höhe des Einkommens aus den Daten nicht "seriös ableitbar" war, wurde für die Berechnung angenommen, dass die Flüchtlinge so viel verdienen wie die ärmsten zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung. Denn laut Prettenthaler würden viele Asylberechtigte im Gastgewerbe oder als Reinigungskraft arbeiten. Im Schnitt trug so jeder Asylberechtigte pro Jahr 7350 Euro zur heimischen Volkswirtschaft bei. Darin enthalten sind sowohl Einkommen als auch Steuern oder Abschreibungen.


Eine positive Wirkung lässt sich auch auf den Arbeitsmarkt feststellen. "Zehn Asylberechtigte, die zehn Jahre arbeitsberechtigt waren, haben so viel gearbeitet, dass ein zusätzliches Jahresvollzeitbeschäftigungsverhältnis ausgelastet war", sagt Prettenthaler. Anders gesagt: Wären diese 65.000 Menschen nicht nach Österreich gekommen, wären 6500 Österreicher zehn Jahre lang arbeitslos gewesen. Deshalb zieht Prettenthaler auch eine positive Bilanz: "Österreich hat eindeutig von der Zuwanderung profitiert."

Allerdings sieht der Ökonom auch "warnende Signale". Die Erwerbsbeteiligungen von asylberechtigten Frauen und Männern steigen zwar über den langen Betrachtungszeitraum an. Bei Männern liegt sie nach fünf Jahren bei rund 50 Prozent, was in etwa dem Wert der österreichischen Erwerbsbeteiligung entspricht. Nach sieben Jahren geht die Erwerbsbeteiligung jedoch zurück. "Diese Gruppe sollte eigentlich eine höhere Erwerbsbeteiligung haben, weil die Asylberechtigten jünger und weniger Menschen im Pensionsalter sind", so Prettenthaler.

Frauen weisen eine deutlich geringere Erwerbsbeteiligung auf. Zehn Jahre nach Erhalt des positiven Asylstatus liegt er mit 34 Prozent zehn Prozent unter dem Wert von Frauen in Gesamtösterreich. Eine Ursache für die geringere Erwerbstätigkeit, so vermutet Prettenthaler, könnten kulturelle Unterschiede sein.

Beunruhigend ist für den Ökonomen außerdem, dass die Transferbilanz leicht negativ werden könnte. Dies geschehe etwa, wenn Asylberechtigte sukzessive in das Pensionsalter kommen. Auch die schwache Konjunktur und die hohe Arbeitslosigkeit wirken sich negativ aus.

Asylwerber stärker einbinden
Deshalb fordert ÖRK-Präsident Gerald Schöpfer, dass mehr in Bildung investiert wird. "Wir brauchen mehr Kurse und Angebote für geringqualifizierte Asylberechtigte, sonst wird es teuer." Schöpfer kritisiert, dass es keine einheitlichen Zahlen gebe, wer sich gerade in Kursen befindet. Dies gebe es bisher nur auf Länderebene.

Für Caritas-Präsident Michael Landau geht bei der Integration "wertvolle Zeit verloren". Derzeit dauert ein Asylverfahren im Schnitt 9,1 Monate. Er fordert eine Ausweitung der Ausbildungspflicht bis 18 auf Asylwerber und einmal mehr eine Öffnung des Arbeitsmarktes für diese Gruppe.

Wie sinnvoll diese Forderung ist, bleibt angesichts eines angespannten Arbeitsmarktes fraglich. Die Zahl der arbeitslosen Asylberechtigten hat im Jänner 2017 mit 28.720 einen historischen Höchststand erreicht. Ein Jahr zuvor waren noch ein Viertel weniger Asylberechtigte arbeitslos gemeldet.




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Dokument erstellt am 2017-02-08 17:42:05


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