• vom 28.06.2018, 07:00 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt

Update: 28.06.2018, 07:32 Uhr

Schulschluss

Gekommen, um zu lernen




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"Viele Kinder sind traumatisiert und haben schon Tote gesehen"

Insgesamt zählt die Schule 185 Kinder, 20 Lehrerinnen und Lehrer sowie einen Psychagogen. Viele Kinder sind traumatisiert, haben Tote gesehen, leben im nahen Asylheim der Caritas oder einer Wohngemeinschaft.

Direktorin Ulrike Madzar arbeitet seit 1993 an der Oskar Spiel Schule als Psychagogin und hat 2009 deren Leitung übernommen. Die Psychagogik ist aus der Individualpsychologie und Psychoanalyse heraus entstanden und vereint diese - vereinfacht ausgedrückt - mit dem Beruf der Pädagogik.

In der Praxis betritt man dabei das weite Feld der pädagogisch-therapeutischen Verfahren bei Verhaltensstörungen, seelischen Konflikten und schwierigen Entwicklungsphasen. Im Grunde gehe es darum, "ganzheitlich zu unterrichten und sich für die innere Welt der Kinder zu interessieren", sagt Madzar. Für deren Gedankenwelt und auch Phantasie - denn Lernen passiere immer über Beziehung.

Die Kinder der Kleinklasse haben mittlerweile gemeinsam mit den zwei Lehrerinnen die Pölster, leeren Teller und Becher weggeräumt. Die Tische und Sessel bleiben aber dennoch in nur einer Hälfte des Klassenzimmers stehen. Denn dort, wo die Schüler soeben noch im Kreis gesessen sind, stellen sie sich nun in zwei Gruppen auf und singen abwechselnd zu englischen Liedern aus dem CD-Player mit. Eine der Lehrerinnen zeigt dabei - dem Liedtext folgend - auf an die Tafel geheftete Kärtchen mit Bildern und dem jeweiligen englischen Begriff. Die Kinder singen laut mit, einige kichern, andere hüpfen im Takt auf und ab, dass der Boden unter den Füßen schwingt.

Sprache sei der Schlüssel zu Bildung, sagt Madzar - und zwar auch die Erstsprache. Daher wird an der Oskar Spiel Schule die Erstsprache in Kleingruppen gefördert. Außerdem gibt es hier ein mehrsprachiges Arbeitszentrum mit Büchern in allen Muttersprachen. Denn: "Eine Zweitsprache wird besser gelernt, wenn man in der Erstsprache sattelfest ist", sagt Madzar. Gemeinsam mit dem Sprachförderzentrum, einer Einrichtung des Wiener Stadtschulrates, habe man ein Konzept erarbeitet und betreibe seit mehr als zehn Jahren die sogenannte mehrsprachige Alphabetisierung: also Unterricht auch mit Erstsprache-Lehrern.

Nach der vierten Klasse wechselt ein Drittel an eine AHS

Dieser neigt sich am frühen Nachmittag an der Oskar Spiel Schule dem Ende zu. Vorher gibt es aber noch eine Übungsstunde - und jene Hälfte der Klasse, in der die Schulbänke stehen, wird mit Leben erfüllt. Die einen schlagen ihre Mathematikbücher auf, die anderen ihre Deutschhefte. Eine der Lehrerinnen geht von Kind zu Kind, hört zu, gibt leise Tipps. Ein Schüler öffnet heimlich seine blaue Jausendose und holt sich den letzten Bissen seiner Semmel heraus.

Ein Großteil der Kinder geht täglich direkt von der Schule in einen Hort der Kinderfreunde, mit denen diese seit den 30 Jahren ihres Bestehens eng zusammenarbeitet. Zum Schulschluss gibt es wie an jeder anderen Schule auch die Zeugnisse. Von denen, die im Herbst nicht wiederkehren, wechselt ein Drittel an eine AHS, sagt Madzar. Das BRGORG 15 am Henriettenplatz und die Wiener Mittelschule Kauergasse seien Partnerschulen.

Dennoch ist es nicht zwingend ein Abschied für immer. "Einige Kinder kommen nach dem Verlassen der Schule zu uns zu Besuch", so Madzar. Einzelne anfangs sogar recht häufig. Und zwar meistens die, die besonders intensiv die Unterstützung und Anteilnahme der Lehrer gebraucht - und bekommen haben.


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Dokument erstellt am 2018-06-27 16:10:52
Letzte Änderung am 2018-06-28 07:32:32


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