• vom 21.05.2012, 15:40 Uhr

Gesellschaft


Russland

Ein Kampf gegen das Vergessen




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Von Ali Cem Deniz

  • Leben mit dem Trauma: Die Tscherkessen ringen um ihre Identität - mittlerweile auch auf Facebook
  • Seit 1864 leben die Tscherkessen in der Diaspora, ihre Sprache gilt als gefährdet.

Die bisher größte Trauerveranstaltung der Tscherkessen in Istanbul am Sonntag. - © OÄ?uz Demir

Die bisher größte Trauerveranstaltung der Tscherkessen in Istanbul am Sonntag. © OÄ?uz Demir

Wien. Alexander Dumas bezeichnete sie als "wilde Tscherkessen". Das zaristische Russland teilte diese Ansicht und bekämpfte die Bewohner des Kaukasus. Krieg und Widerstand der Tscherkessen gegen den Zaren dauerten beinahe 50 Jahre und endeten 1864 mit ihrer Vertreibung - ein Ereignis, das auch in der russischen Geschichte prominent ist. Tolstoi erzählte in seinem Roman "Hadschi Murat" die Geschichte des gleichnamigen Widerstandskämpfers, der gewissermaßen ein Pionier des anti-kolonialen Kampfes wurde. Letztlich konnte der tscherkessische Widerstand Auswanderung und Beginn der tscherkessischen Diaspora nicht verhindern.

Es wurde zum größten Trauma in der Geschichte der Tscherkessen. In hoffnungslos überfüllten Booten und brüchigen Schiffen versuchten sie, das Schwarze Meer zu überqueren. Viele Flüchtlinge verloren ihr Leben vor der Ankunft im Osmanischen Reich: Ihre Boote gingen unter oder sie starben an Krankheiten. Begraben wurden die Toten im Meer. Die verhängnisvolle Flucht erinnert an die heutige Lage afrikanischer Flüchtlinge vor Italiens Insel Lampedusa.


Das Osmanische Reich empfing die Tscherkessen nicht nur aus humanitären Gründen. Das von Krieg und Zerfall geprägte Reich brauchte billige Arbeitskräfte und junge Männer fürs Militär. Für viele Tscherkessen war bis ins späte 20. Jahrhundert der Verzehr von Fisch ein Tabu. Sie wollten nicht die Fische des Schwarzen Meeres essen, das ihre Verwandten und Freunde verschlungen hatte. Wie viele Opfer das Vorgehen des Russischen Reiches und die Flucht gebracht haben, ist unklar. Die Zahlen schwanken von einigen hundert Tausend bis zu mehr als einer Million Todesopfern. Selbst russischen Aufzeichnungen zu Folge verblieben nach Ende des Kriegs nur ein Zehntel der Tscherkessen in ihrer Heimat.

Im Osmanischen Reich und später in der türkischen Republik wurden die Tscherkessen Opfer von Assimilations- und Umsiedelungspolitiken. So verteilte sich die tscherkessische Diaspora über das ganze Osmanische Reich und den Nahen Osten. Heute leben sie in der Türkei, Syrien, Jordanien, Israel, aber auch in Europa und den USA. Besonders mit der Gastarbeiterbewegung der 60er Jahre kamen viele Tscherkessen aus der Türkei nach Europa. Viele tscherkessische Vereine in Europa versuchen heute ihre Traditionen und die tscherkessische Sprache zu bewahren.

Für die Tscherkessen in der Türkei war die Bewahrung der eigenen Sprache keine einfache Aufgabe. Wie auch das in Europa bekanntere Kurdisch, war Tscherkessisch verboten. Tscherkessen mussten türkische Namen annehmen. Dass Tscherkessisch eine eigenständige Sprache ist, die nichts mit Türkisch gemein hat, wurde lange ignoriert.

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Dokument erstellt am 2012-05-21 15:47:09


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