• vom 21.10.2013, 17:11 Uhr

Gesellschaft

Update: 10.03.2015, 11:46 Uhr

Porträt

"Es ist so politisch korrekt hier"




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Von Eva Zelechowski

  • Vor zwei Jahren verschlug es Yunuen Cuenca von Mexiko nach Österreich
  • Wie die neue Perspektive im Leben der Mexikanerin einiges zurechtgerückt hat.

Die unterirdische "Kaffeeküche" am Schottentor zählt zu Cuencas Lieblingsplätzen in Wien. Hier lernt sie Deutsch-Vokabeln und sieht dem Treiben in der Station zu.

Die unterirdische "Kaffeeküche" am Schottentor zählt zu Cuencas Lieblingsplätzen in Wien. Hier lernt sie Deutsch-Vokabeln und sieht dem Treiben in der Station zu.© Zelechowski Die unterirdische "Kaffeeküche" am Schottentor zählt zu Cuencas Lieblingsplätzen in Wien. Hier lernt sie Deutsch-Vokabeln und sieht dem Treiben in der Station zu.© Zelechowski

Wien. "Es klingt verrückt, aber ich musste mich anfangs an die Stille hier gewöhnen. Sie hat etwas Bedrohliches, wenn man sie nicht kennt. Wenn du hier alleine durch den Schnee stampfst, kannst du fast das Blut durch deine Adern fließen hören." Yunuen Cuenca ist in der 22-Millionen-Metropole Mexiko Stadt aufgewachsen, wo die Bezeichnung "sound pollution" ziemlich ins Schwarze trifft und Straßenlärm andere Dimensionen erreicht als in Guntramsdorf. Vor zwei Jahren hat es ihren Mann aus beruflichen Gründen in die 9000-Seelen-Gemeinde verschlagen und die Entscheidung, mitzugehen, war schnell gefällt. Ihren Job in der Filmfestivalbranche, Freunde und Familie hinter sich zu lassen, fiel ihr wesentlich schwerer.

Sexistische Lateinamerika-Darstellung

Information

Yunuen Cuenca ist auf Twitter unter @yunuencuenca zu finden.


Doch sie ließ sich auf das Abenteuer Österreich ein, das in den ersten acht Monaten zum Großteil aus Spaziergängen mit ihrem Hund und einem Deutsch-Kurs bestand und wenig ereignisreich war. Plötzlich hatte sie unendlich viel Zeit für existenzielle Fragen und eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Irgendwann machte der Bewerbungsmarathon für die 32-Jährige, die seit Jahren Kurzgeschichten in Kulturmagazinen veröffentlicht, keinen Sinn mehr.

Seit sie in dem Land lebt, das von Mexiko aus "so komplett aus der Welt zu sein schien", weiß sie, dass sie in ihrem Dasein nur als Schriftstellerin glücklich wird. "Schreiben ist meine Arbeit. Die einzige, die ich machen möchte. Um das zu erkennen, musste ich offensichtlich nach Österreich kommen", sagt Cuenca und lacht. Die Isolation in Niederösterreich hat also ihren Zweck erfüllt, aber Cuenca brauchte einen Tapetenwechsel. Der Umzug nach Wien hat neben der neuen Geräuschkulisse auch Veränderungen im sozialen Leben gebracht. Durch ihren Teilzeitjob als Kartenabreißerin im Wiener Filmcasino kommt sie zumindest in zarte Berührung mit der heimischen Kulturbranche und ist unter Leuten.

Kontakt zur mexikanischen Community, die laut mexikanischer Botschaft 1084 Menschen in ganz Österreich zählt, sucht sie nicht. Vielmehr meidet sie ihn bewusst. "Es stört mich sehr, wie Lateinamerika hier - und generell in Europa - dargestellt wird. Wenn Organisationen einen lateinamerikanischen Abend veranstalten, dreht sich alles um halb nackte Menschen, Fiesta und heiße Rhythmen." Die Mexikaner klammerten sich daran, weil es Teil ihrer Identität sei und sie sich dadurch auch als Entwurzelte zuhause fühlten, glaubt die Mexikanerin.

Mit dieser exotisierenden Darstellung wolle und könne sie sich nicht identifizieren. Viel wichtiger sei ihr, in ein möglichst authentisches Wien einzutauchen. Dazu gehöre für sie ein Deutschkurs, denn "wenn du die Sprache nicht verstehst, weißt du auch nicht, wie du reagieren oder interagieren sollst". Genauso wie ein gemeinsames Essen bei Freunden, das aus einem kulinarische Geheimnisse lüftenden "Wiener-Schnitzel-Workshop" bestand. Während ein knuspriges Schnitzel auszubacken zu erlernbaren Traditionsgütern fremder Kulturen gehört, gibt es Dinge, die sie nicht verstehen kann.

Wert eines Menschenlebens
Statt sich etwa wie in Mexiko üblich dem Gegenüber erbarmungslos zu öffnen und Persönliches preiszugeben und zu erfragen, wird in Wien vorsichtig erschnuppert. Politisch korrekt gehe es hier zu und am Stammtisch würden Menschenrechte und das Schicksal der Lampedusa-Flüchtlinge diskutiert. In Mexiko wisse man nichts von refugee camps oder der "Festung Europa", vor deren Grenzen Menschen ertrinken. "Ich weiß, diese Flüchtlingslager müssen die Hölle sein, aber wir haben nicht einmal die. Migranten werden bei uns wie Tiere behandelt", versucht Cuenca die gefährliche Situation für Einwanderer in ihrem Land zu verdeutlichen. 

Als im Jahr 2010 im nordöstlichen Tamaulipas ein Massenmord an 72 Migranten verübt wurde, für den Anhänger des Drogenkartells "Los Zetas" verantwortlich sein sollen, verstummte der Aufschrei schnell. Zu einer öffentlichen Debatte komme es nicht. "Denn am nächsten Tag passiert schon der nächste Mord, direkt vor der Haustür. In so einem Irrsinn verliert man aus den Augen, wie wertvoll ein Menschenleben ist." Der Blick von Wien aus auf Mexiko habe ihre abgestumpfte Wahrnehmung zurechtgerückt, was die Frau und auch ihr Mann Mariano als "sehr positive Erfahrung" empfinden. Entführungen sind Alltag In den Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Kartellen und Behörden kamen in den vergangenen sechs Jahren mehr als 70.000 Menschen ums Leben. Noch höher ist die Zahl der Entführungen, die laut einer erstmals erfassten Statistik durch das Nationale Institut für Statistik und Geografie (INEGI) im Jahr 2012 bei 105.600 Menschen lag. Das Innenministerium spricht von 2000 Entführungsopfern. Genaue Erhebungen seien kaum möglich, da viele Betroffene aus Angst vor den Tätern auf eine Anzeige verzichten. So haben Drohungen, Entführungen und Lösegelderpressungen in Mexiko einen traurigen Höhepunkt erreicht. Besonders lukrativ seien Entführungen mit niedrigen Forderungen. In solchen Fällen würden die Menschen selten die Polizei verständigen. "Ich würde sagen, jeder kennt in Mexiko zumindest eine Person, die entführt wurde", beschreibt die 32-Jährige die Tragweite der blühenden "Kidnapping-Industrie". Als sie 17 Jahre alt war, wurde eine Klassenkameradin auf dem Heimweg entführt und sechs Tage lang festgehalten. Die Vorgehensweise sei immer die gleiche: Es würden sogenannte Casas de Seguridad ("Sichere Häuser", Anm.) angemietet und Personen zur Bewachung der Entführten - meist für sehr wenig Geld - beauftragt. "Meine Freundin hatte sehr viel Glück, denn ihre ‚Aufpasser‘ waren ein junges Paar mit einer kleinen Tochter und sie ließen sie aus Mitleid frei", erzählt Cuenca. Die Entführer, die wegen der verbreiteten Korruption und den mangelnden Bestrafungsmöglichkeiten leichtes Spiel haben, recherchieren ihre Opfer gründlich. Auch ihr Mann musste diese Erfahrung machen, als ihm vor einigen Jahren Unbekannte auflauerten, mit einer unmissverständlichen Botschaft an seinen Vater: Der Mitarbeiter einer Behörde, die sich unter anderem der Bekämpfung des Drogenhandels widmet, und auch seine gesamte Familie stünden unter Beobachtung. Die Einschüchterungsversuche waren erfolgreich. Marianos Vater wechselte wegen dieser Drohung die Abteilung. Dass ein Beamter nachfolgt, ist den Kriminellen freilich egal. Auch bei ihm werden sie eine Schwachstelle finden, die ihn unter Druck setzt und damit das gesamte System zerstört. "Der Teufelskreis aus Korruption und Todesangst lähmt dich im Alltag auf eine unbeschreibliche Weise. Dass wir in Österreich plötzlich ohne dieses paralysierende Gefühl dastanden, ist surreal. Ich suche ständig nach einem Wort für das Wegfallen dieser Angst. Sicherheit und Frieden beschreiben es nicht einmal annähernd", erklärt Cuenca.




Schlagwörter

Porträt, Mexiko, Yunuen Cuenca

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-10-21 17:14:03
Letzte Änderung am 2015-03-10 11:46:47


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