• vom 28.02.2014, 10:08 Uhr

Gesellschaft

Update: 19.11.2015, 11:22 Uhr

Portrait

"Nichts zu verlieren, nur das Leben"




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Von Eva Zelechowski

  • Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt: Wie die Usbekin Xenia dem Horror in Russland entkam, in einem Hospiz wieder Lebensfreude fand und Wien als Stätte der Seelentherapie erlebt.

Utschkuduk

Utschkuduk© Panoramio, узбек Utschkuduk© Panoramio, узбек

Xenias Wohnung in Belvedere-Nähe ist mit einer Rampe ausgestattet. Die braucht sie für ihren Rollstuhl. Den Wohnzimmertisch hat die 40-jährige Usbekin mit Torte, Keksen und einer Schale einzelner Schokoladenrippen gedeckt. Usbekische Gastfreundschaft. Kater Niki rollt sich sofort auf meinem Schoß ein und startet den Schnurr-Motor. "Oj, wo fange ich an?", fragt Xenia mit aufgerissenen Augen und spannt den Erzählbogen ihrer fast unglaublichen Lebensgeschichte von einer unbekümmerten Kindheit in Usbekistan zu den Bemühungen um österreichisches Asyl:

Österreich als "einzige Chance"


Im September 2006 sitzt Xenia mit ihrem Mann im Flugzeug von Moskau nach Wien. Was genau sie erwartet, weiß sie nicht. Es ist damals ihre "einzige Chance auf ein Leben", sagt sie und meint damit nicht nur die lebensrettende Operation in Österreich. Die heute 40-Jährige sitzt wegen eines Suizidversuchs im Rollstuhl.

Xenia wächst im usbekischen Utschkuduk auf, ein Städtchen in der Wüste Kysylkum, die sich im Norden an die Seidenstraße schmiegt. Hier führt sie 22 Jahre lang "ein glückliches, unbeschwertes Leben als sonniges, asiatisches Mädchen". Die Eltern, ethnische Russen, kehren Usbekistan Mitte der Neunziger Jahre wegen nationaler Konflikte und der tristen Wirtschaftslage den Rücken. Mit der Migration ins 3.000 Kilometer entfernte Moskau beginnt Xenias "schwärzeste Zeit". Zuerst hasst sie das Wetter, die Minusgrade, der Kulturschock trifft sie hart. Dann sind es zunehmend die harten Lebensrealitäten am Rande des Existenzminimums, mit denen die Familie zu kämpfen hat.

Während der Zusammenbruch der Sowjetunion für viele im Westen vor allem mit Freiheit für die Menschen verbunden ist, stürzte der neue Zustand die Menschen vor Ort in eine tiefe Krise. Russland steht damals am Rande der Hyperinflation, die Geldentwertung hat für viele Familien den finanziellen Ruin zur Folge. Als Xenias Mutter Ende der Neunziger Jahre an den Folgen einer Krebserkrankung stirbt, versucht sie das Geld für die Beerdigung auf dem Strich zu verdienen. "Gottseidank habe ich es nicht geschafft." Der erste Mann, der vor ihr mit dem Auto hält, kurbelt das Fenster hinunter und sagt: "Hier ist nicht dein Platz." Sie brauche jedoch 400 Rubel, um die Mutter zu bestatten. Er schenkt ihr das Geld. Es sind menschliche Begegnungen wie diese, die die wenigen Höhepunkte in Xenias Leben markieren.

"Physiotherapie" mit Kakerlaken

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Dokument erstellt am 2014-02-28 10:09:10
Letzte Änderung am 2015-11-19 11:22:00


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