• vom 15.11.2016, 13:01 Uhr

Gesellschaft

Update: 15.11.2016, 13:40 Uhr

Kultur

"Syrische Kulturszene befindet sich inzwischen im Ausland"




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Von AFP, Yannick Pasquet

  • Berlin wird zum Zentrum der syrischen Kulturdiaspora - Viele geflohene Künstler leben in der deutschen Hauptstadt.

Berlin. Manchmal fühlt sich Doha Hassan in Berlin wie in ihrer alten Heimat Damaskus. Viele der Künstler und Kreativen, mit denen die palästinensische Fotografin in Syrien zu tun hatte, leben inzwischen an der Spree. Auch der syrische Regisseur und Schauspieler Ziad Adwan begegnet in Berlin immer öfter alten Bekannten.

"Einige meiner Schüler von der Schauspielschule in Damaskus leben jetzt in Asylbewerberheimen hier," erzählt er. Hassan lebt seit 2012 in Deutschland, Adwan kam vor zwei Jahren, nachdem er in Syrien im Gefängnis gesessen hatte. Erste Anlaufstation für syrische Künstler auf der Flucht ist oft Beirut. Einige gelangten aber auch sofort als Stiftungsstipendiaten nach Deutschland. "Die syrische Kulturszene befindet sich inzwischen im Ausland, und Berlin ist eine der Städte, wo sie sich nun konzentriert", sagt der deutsche Medienmacher Mario Münster.

Magazin über syrische Kultur "A Syrious Look"

Zusammen mit Adwan und dem Künstler Mohammad Abou Laban entwickelte Münster die Zeitschrift "A Syrious Look". Das Magazin über syrische Kultur im Exil erscheint auf Englisch, die erste Ausgabe soll Ende November an den Kiosken liegen. Seit dem Mauerfall hat Berlin Künstler aus der ganzen Welt angezogen, in den vergangenen Jahren sind immer mehr Syrer darunter. Die Stadt habe sich mit ihrer "offenen, liberalen Gesellschaft zu einer Schnittstelle für Kreative aus aller Welt" entwickelt, sagt Münster.

Paris und Beirut, die traditionellen Zufluchtsorte für Künstler aus der arabischen Welt, erschienen im Vergleich wesentlich konservativer und etablierter. "Auch die vielen freien Ladenlokale machen Berlin interessant", sagt Adwan. "Und außerdem ist es die Stadt der Anarchie und des Rock!"

Szene und Projekte nach dem Schneeballprinzip

Die Entwicklung Berlins zu einem Zentrum der syrischen Kulturdiaspora folgt dem Schneeballprinzip: Sobald sich die ersten syrischen Künstler dort niederließen, folgten die nächsten - Filmemacher, Dichter, bildende Künstler. Sie schließen sich zusammen, um Projekte gemeinsam anzugehen, aber auch, um das erfahrene Leid zu teilen.

Die Organisation "Action for Hope" will ihnen dabei helfen, auch in Deutschland mit ihrer Kunst Erfolg zu haben. "Die Kulturinstitutionen in Deutschland sind sehr strukturiert. Aber für Neuankömmlinge ist es sehr schwer, darin Fuß zu fassen", sagt die Gründerin der Organisation, Basma El-Husseiny.

Das alles ist für den syrischen Künstler Ali Kaaf nicht mehr neu - er lebt bereits seit 16 Jahren in Berlin. Nun arbeitet er mit am Programm der Kunsthochschule Weißensee für geflüchtete Künstler. "Wir versuchen ihnen zu helfen, einen Platz an den Kunsthochschulen in Deutschland zu bekommen", sagt Kaaf.

Krieg und Flucht verändern Schaffen der Künstler

Das Exil, aber auch die Erfahrungen von Krieg und Flucht, verändern das Schaffen der Künstler. "Alles, was derzeit geschaffen wird, hätte unter dem syrischen Regime niemals entstehen können", sagt Münster. "In Syrien haben sie Symbole benutzt, um die Herrschenden zu kritisieren", sagt Adwan. "Heute drücken sie sich direkt aus."

Das Leben im Ausland habe ihr Schreiben beeinflusst, sagt auch die Schriftstellerin Rasha Abbas, die mit einem Stipendium nach Deutschland kam. "Das klingt vielleicht seltsam, aber seit ich hier bin, schreibe ich viel humorvoller", sagt sie lachend. "Früher habe ich düstere und deprimierende Texte verfasst."

Beim Vergleich zwischen Berlin und Damaskus kommen manchem der Künstler Parallelen in den Sinn. "So, wie Berlin am Ende des Krieges 1945 war, so ist Damaskus heute", formuliert Münster diesen Gedanken. "Niemand kann sich gerade vorstellen, dass Damaskus in 50 Jahren eine Kulturhauptstadt ist. Aber 1945 konnte sich das auch keiner bei Berlin vorstellen."





Schlagwörter

Kultur, Syrien, Künstler, Berlin

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Dokument erstellt am 2016-11-15 13:03:25
Letzte Änderung am 2016-11-15 13:40:07



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