• vom 03.01.2017, 18:01 Uhr

Gesellschaft

Update: 03.01.2017, 18:11 Uhr

Asylberechtigte

Asylberechtigt, aber obdachlos




  • Artikel
  • Kommentare (12)
  • Lesenswert (37)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Valentine Auer

  • Die neuen Klienten der Wohnungslosenhilfe sind asylberechtigte Flüchtlinge.

Vier Monate Zeit haben Asylberechtigte, um ihre im Rahmen der Grundversorgung zur Verfügung gestellte Unterkunft zu verlassen und eine neue zu finden. Einige schaffen das nicht.

Vier Monate Zeit haben Asylberechtigte, um ihre im Rahmen der Grundversorgung zur Verfügung gestellte Unterkunft zu verlassen und eine neue zu finden. Einige schaffen das nicht.© apa/Helmut Fohringer Vier Monate Zeit haben Asylberechtigte, um ihre im Rahmen der Grundversorgung zur Verfügung gestellte Unterkunft zu verlassen und eine neue zu finden. Einige schaffen das nicht.© apa/Helmut Fohringer

Wien. Es beginnt mit der Entscheidung, das eigene Land, das eigene Leben zu verlassen. Konflikte und Kriege treiben sie dazu, Zukunftsperspektiven für sich, für die Kinder gibt es kaum. Es folgt die Flucht nach Europa. Für die, die es nach Österreich schaffen, heißt es kurz durchschnaufen. In der Grundversorgung wird gewartet und gehofft, Österreich nicht wieder verlassen zu müssen. Sobald die Hoffnung Realität wird und das Ansuchen um Asyl positiv entschieden wurde, heißt es rasch eine eigene Existenz aufbauen. Zuallererst muss ein Dach über dem Kopf gefunden werden.

Vier Monate zum Aufbau einer Existenz

Rasch, das heißt innerhalb von vier Monaten. Denn so lange haben Asylberechtigte Zeit, um die Unterkunft im Rahmen der Grundversorgung zu verlassen. Ende November befanden sich laut Angaben des Innenministeriums rund 80.000 geflüchtete Personen in der Grundversorgung. 20.500 davon in der Wiener Grundversorgung.

Gernot Ecker, Leiter der Wohnungslosenhilfe und Flüchtlingskoordination beim Wiener Hilfswerk sowie Vorstandsmitglied des Verbands Wiener Wohnungslosenhilfe, geht davon aus, dass etwa 50 bis 60 Prozent dieser Personen einen positiven Asylbescheid erhalten. "Dann sind wir bei 10.000 Menschen, die es innerhalb einer Frist von vier Monaten schaffen müssen, selbständig zu wohnen. Einige dieser Menschen werden es nicht schaffen, sich eine Existenz aufzubauen, und sind somit von Wohnungslosigkeit bedroht", fasst Ecker die derzeitige Herausforderung zusammen.

Aktuell stehen in Wien 174 Startwohnungen zur Verfügung, um Asylberechtigten einige Monate oder Jahre Unterstützung zu bieten. "Das ist nicht sehr viel. Wir sind total ausgelastet", fügt Ecker hinzu. Wie viele Asylberechtigte derzeit mit Wohnungslosigkeit konfrontiert sind oder künftig sein werden, könne man nicht sagen. Es könnten Hunderte ebenso wie Tausende sein.

Tatsächlich relevant wird das Thema Wohnungslosigkeit unter Asylberechtigten laut Ecker in den kommenden zwei Jahren. "Darum müssen wir uns jetzt schon überlegen, was wir tun können, um den Menschen zu helfen, um uns nicht erst später zu fragen, was wir mit den Personen machen sollen."

Asylberechtigte wohnen oft prekär

Aktuelle Zahlen der Wohndrehscheibe von der Volkshilfe Wien zeigen, dass Wohnungslosigkeit unter Asylberechtigten bereits seit letztem Jahr relevant ist: So hatten in den vergangenen Jahren zwischen 13 und 17 Prozent der Personen, die von der Wohndrehscheibe bei der Wohnungssuche am privaten Wohnungsmarkt unterstützt und beraten wurden, einen Flüchtlingsstatus. 2015 erhöhte sich dieser Anteil auf 35 Prozent. 2014 waren sechs Prozent der betreuten Personen Syrer, 2015 waren es 24 Prozent, im laufendem Jahr (bis Ende November) stieg der Anteil auf 26 Prozent bzw. auf 627 syrische Haushalte.

Alexandra Adam, Abteilungsleiterin der Wohndrehscheibe, erklärt gegenüber der "Wiener Zeitung", dass der Großteil der syrischen Wohnungssuchenden zum Zeitpunkt der Erstberatung keine eigene Wohnung hatten: 2015 waren das etwa 82 Prozent. 2016 waren es 78 Prozent. Viele dieser Personen sind von versteckter Wohnungslosigkeit betroffen: Sie wohnen bei "Bekannten", zahlen für ein Bett zwischen 250 bis 400 Euro im Monat, um das Schicksal Straße zu umgehen. Oft können sich die betroffenen Personen dort, wo sie unterkommen, nicht melden. Das bedeutet in Wien: ohne Meldeadresse keine Mindestsicherung.

Wohnen als Basis für Selbständigkeit

Schätzungen oder Spekulationen dazu abzuliefern, wie viele Asylberechtigte künftig den Sprung von der Grundversorgung in die Privatunterkunft nicht schaffen, sei unseriös, bestätigt der Fonds Soziales Wien (FSW) gegenüber der "Wiener Zeitung". Bereits jetzt sind 62 Prozent der Personen in der Wiener Grundversorgung am privaten Wohnungsmarkt untergekommen.

Außerdem gäbe es in Wien eine soziale Absicherung für Asylberechtigte: "Grundsätzlich gilt, dass Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte Österreichern gleichgestellt sind. Sie verfügen über freien Zugang zum Arbeitsmarkt und haben Anspruch auf die Bedarfsorientierte Mindestsicherung, um ein Abrutschen in die Wohnungslosigkeit zu verhindern", betont der Sprecher des FSW und des Wiener Flüchtlingskoordinators Peter Hacker.

Ecker hingegen unterstreicht, dass das Wohnen an erster Stelle stehe: "Auch im Sinne der Nachhaltigkeit für unsere Gesellschaft. Wenn wir nichts anbieten, entstehen Folgeauswirkungen: Es wird Probleme beim Aufbau des Lebens, beim Finden eines Jobs, beim Schaffen eines positiven Schulabschlusses geben. Das muss bewusst gemacht werden. Die Wohnversorgung stellt die Basis dar, da es ohne Wohnung schwierig ist, andere Dinge in Anspruch zu nehmen oder sich etwas aufzubauen."

Asylberechtigte als neue Klienten anerkennen

Daher die Forderung des Verbands Wiener Wohnungslosenhilfe: Asylberechtigte müssen stärker als Klienten der Wohnungslosenhilfe verstanden werden, denn derzeit stünden sie am "unteren Ende der Nahrungskette", so Ecker. Konkret heißt das, die Bedürfnisse der Zielgruppe zu beachten - von der Sprache über soziokulturelle Unterschiede bis hin zu psychischen Traumata aufgrund der Flucht- und Kriegserfahrungen. Oft gehe es um ganz "banale Dinge", die es aber zu beachten gibt, schildert Ecker seine bisherigen Erfahrungen: "Es ist uns schon aufgefallen, dass man sich überlegen muss, wie man Räumlichkeiten anordnet, wer wen zu Hause sehen darf, welche Rückzugsmöglichkeiten angeboten werden."

Zudem müsse man sich künftig auf eine längere Betreuungsdauer einstellen: "Derzeit unterstützen wir Menschen im betreuten Wohnen, in der Resozialisierung ungefähr ein Jahr oder eineinhalb Jahre. Ganz selten auch einmal zwei Jahre. Bei Asylberechtigten kommen verschiedene herausfordernde Themen hinzu, die - und das ist sehr unüblich für uns - einen längeren Betreuungszeitraum benötigen."

Was es dafür braucht, ist - wie so oft - eine entsprechende Finanzierung sowie eine Aufstockung der Angebote. Auf die Nachfrage, ob es diesbezüglich Pläne gibt, weist der FSW darauf hin, dass die Stadt Wien noch in diesem Jahr ein Programm für günstigen Wohnraum starten wird. Ein Kontingent davon wird über den FSW vergeben. Zudem ist eine Aufstockung der Startwohnungen geplant. Wie viele das sein werden, könne noch nicht konkretisiert werden. Derzeit läuft die Suche nach geeigneten Standorten.





Schlagwörter

Asylberechtigte, obdachlos

12 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-01-03 18:05:05
Letzte Änderung am 2017-01-03 18:11:09


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Grüne fordern Asyl für Asia Bibi
  2. EU kippt österreichische Regelung gegen "Sozialdumping"
  3. Der Geldbote
Meistkommentiert
  1. Grüne fordern Asyl für Asia Bibi

Werbung




Werbung