• vom 26.01.2018, 13:00 Uhr

Gesellschaft

Update: 26.01.2018, 13:13 Uhr

Psychotherapie

Warten als zweites Trauma




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Von Michael Ortner

  • Krieg, Folter, Vergewaltigung: Ein Großteil der Flüchtlinge ist traumatisiert. Es fehlen ausreichend Betreuungsplätze.

Vom Krieg gezeichnet: Eine Kinderzeichnung aus der Kindertherapie beim Verein Hemayat.

Vom Krieg gezeichnet: Eine Kinderzeichnung aus der Kindertherapie beim Verein Hemayat.© Hemayat Vom Krieg gezeichnet: Eine Kinderzeichnung aus der Kindertherapie beim Verein Hemayat.© Hemayat

Wien. Der Raum: beengt. Die Bewegungsfreiheit: eingeschränkt. Die Zukunft: ungewiss. So beschreiben die Autoren des jüngst erschienenen "Positionspapiers zur Flüchtlingsversorgung" die Bedingungen in Erstaufnahmelagern für Flüchtlinge in Österreich. Keine angemessene Umgebung für Menschen, die in ihrem Heimatland verfolgt und gefoltert wurden – und deswegen in vielen Fällen traumatisiert sind.

Zwar ist die Zahl der Asylanträge im Vorjahr weiter zurückgegangen: Waren es 2016 noch 42.285 gewesen, so stellten 2017 mit 24.296 nur noch etwa halb so viele Menschen einen Antrag auf Asyl. Doch auch wenn die Zahlen stark rückläufig sind, bleiben Flüchtlinge eine "sehr vulnerable Gruppe mit besonderen Vorbelastungen", wie es im Positionspapier der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) sowie für Sozialpsychiatrie (ÖGSP) heißt.

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Trauma: Der Begriff kommt aus dem Griechischen ("Wunde") und bezeichnet in der Medizin eine Verletzung oder Schädigung des Körpers. Bei einem Trauma ist der Mensch mit einem Ereignis konfrontiert, dem er schutz- und hilflos ausgeliefert ist. Naturkatastrophen, Kampfhandlungen, Folter, sexualisierte Gewalt oder von Menschen verursachtes Unheil können als traumatische Situationen empfunden werden. Bestehen traumatische Belastungen, brauchen die Menschen rasch psychologische Hilfe, um chronische Langzeitschäden zu verhindern.

"Positionspapier zur Flüchtlingsversorgung" der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) sowie für Sozialpsychiatrie (ÖGSP) zum Download.

Verein Hemayat


Caritas Wien

Diakonie "Jefira"

Wie viele Flüchtlinge, die nach Österreich gekommen sind, traumatisiert sind, ist unbekannt. "Genaue Zahlen dazu gibt es nicht, aber Posttraumatische Belastungsstörungen betreffen nach ausländischen Studien etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Bei Flüchtlingen liegt dieser Wert bei etwa zehn Prozent", sagt Johannes Wancata, Leiter der klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni Wien, zur "Wiener Zeitung".

Flüchtlinge brauchen Verantwortung

Dass viele Geflüchtete unter Traumatisierungen infolge von Krieg, Folter oder Vergewaltigung leiden, bestätigt Miriam Lehner. Sie ist klinische und Gesundheitspsychologin und Fachbereichsleitern für Asyl und Integration bei der Caritas. "Ein Großteil weist Symptome wie Schlafstörungen, Angstzustände, Nervosität und Unruhe auf", sagt sie. Die Tatsache, dass die Menschen nicht wissen, ob sie bleiben können, führt zu erhöhtem Stress. Lange Asylverfahren erhöhen die Unsicherheit. Derzeit dauern sie laut Innenministerium rund 6,6 Monate. Rechnet man jedoch ältere Verfahren mit ein, ergeben sich Zeiten von rund 16 Monaten. "Durch die langen Wartezeiten wird der Zustand der Traumatisierung verstärkt, und die Symptome werden schwerer behandelbar", sagt Lehner.

"Gefängnis": Eine Arbeit aus der Kunsttherapiegruppe.

"Gefängnis": Eine Arbeit aus der Kunsttherapiegruppe.© Hemayat "Gefängnis": Eine Arbeit aus der Kunsttherapiegruppe.© Hemayat

Wenn Flüchtlinge ohne jede sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit auf ihren Asylentscheid warten, hat dies Auswirkungen auf ihr psychisches Befinden. "Wir brauchen schnellere Asylverfahren. Aber zuerst müssen wir den Menschen Verantwortung geben. Sinnvolle Tätigkeiten, wie selbst den Haushalt erledigen oder Mithilfe in einem Gemeindezentrum, tragen zur Stabilisierung bei", sagt Wancata, der das Positionspapier mitherausgegeben hat.

Sicherheit steht für geflüchtete Menschen an erster Stelle. "Die Menschen brauchen ein stabiles Umfeld, das möglichst nahe am Alltag ist", sagt Caritas-Helferin Lehner. Die Unterkunft soll eine möglichst angenehme Umgebung sein. Asylwerber und Flüchtlinge in Massenunterkünfte zu stecken, wie es die neue Regierung plant, sieht die Psychologin als kontraproduktiv. "Großlager sind genau das Falsche. Vor allem für Menschen aus Kriegsgebieten bedeutet es Stress, das Zimmer mit vielen anderen zu teilen."

Jobs geben Sicherheit

Neben der Unterbringung spielt ein geregelter Tagesablauf eine entscheidende Rolle. Dazu gehört auch eine Beschäftigung, also ein möglichst rascher Zugang zum Arbeitsmarkt. Dieser ist jedoch speziell Asylwerbern verwehrt. Sie dürfen lediglich einer Saisonbeschäftigung – etwa in der Gastronomie – nachgehen oder bei der Erntearbeit helfen. Eine weitere Möglichkeit bietet die gemeinnützige Beschäftigung bei Gemeinden. Eine Lehrlingsstelle erhalten nur Asylwerber bis zu einem Alter von 25 Jahren und dies auch nur in Mangelberufen.

Traumatisierte Flüchtlinge bei der Sport- und Bewegungstherapie.

Traumatisierte Flüchtlinge bei der Sport- und Bewegungstherapie.© Hemayat Traumatisierte Flüchtlinge bei der Sport- und Bewegungstherapie.© Hemayat

Doch wie steht es eigentlich um die psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen? "Es gibt Gebiete, wo es ganz gut geht und Regionen, in denen es noch Aufholbedarf gibt. Generell haben wir in Österreich aber einen Mangel an Psychiatern. Bei Flüchtlingen braucht man meist noch zusätzlich einen Dolmetscher, wodurch die Wartezeiten häufig deutlich verlängert werden", sagt Psychiater Wancata.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Bei der Caritas gibt es derzeit 70 Therapieplätze, im Jahr werden rund 160 Personen betreut. Die Wartezeit für einen Therapieplatz: acht Monate. Bei "Jefira", einem interkulturellen Psychotherapiezentrum der Diakonie in St. Pölten warten rund 300 Personen auf eine Psychotherapie. Wartezeit: sechs bis zwölf Monate. Auch Cecilia Heiss weiß von zu wenigen Therapieplätzen zu berichten. "Um die psychotherapeutische Betreuung von Flüchtlingen ist es schlecht bestellt", sagt die Geschäftsführerin von Hemayat (arabisch für "Schutz" und "Betreuung"), einem Verein in Wien, der Folter- und Kriegsüberlebende betreut. 2016 wurden 1040 Flüchtlinge, davon 219 Kinder, in der Einrichtung im neunten Wiener Gemeindebezirk therapiert. "Wir haben über 400 Personen auf der Warteliste", sagt die klinische Psychologin.

Therapieplätze sind also Mangelware. Wer einen Platz bekommt, wird in einem Abklärungsgespräch geklärt. "Wir versuchen, nach Dringlichkeit zu reihen. Wie hoch also Suizidalität und Fremdgefährdung sind", sagt Heiss. Denn bei Flüchtlingen und Asylsuchenden ist "das Suizidrisiko signifikant erhöht", wie es im Positionspapier des ÖGPP heißt. Lange Zeit kam der Großteil der Menschen bei Hemayat aus Tschetschenien. Aktuell stammen die meisten aus Afghanistan, dem Irak und Syrien.

Warten als zweites Trauma

Das Hauptproblem sieht Heiss im Zugang zum Gesundheitssystem: Flüchtlinge scheitern sehr oft an Sprachbarrieren. Deshalb arbeiten bei Hemayat Therapeuten, die mehrere Sprachen sprechen. "Schwierige Themen wie Folter und Vergewaltigung muss man in der Muttersprache behandeln", ist Heiss überzeugt. Die Bandbreite der Klienten bei Hemayat ist groß. "Manche brauchen nur eine Kurztherapie, etwa bei Schlafstörungen. Andere litten zehn Jahre in Isolationshaft im Irak. Diese Menschen brauchen lebenslange Betreuung", sagt Heiss.

Gerade Menschen, die schwer gefoltert wurden, haben Angst, ihrem Peiniger nochmals zu begegnen. "Nicht nur das Trauma selbst ist eine schreckliche Erfahrung, sondern auch das Ausgeliefertsein. Das hilflose Warten wirkt re-traumatisierend", sagt die Hemayat-Geschäftsführerin. Darum gehören Trauma-Erkrankungen rasch behandelt. Bei Hemayat setzen die Psychologen auf Gesprächstherapie, um die Klienten zu stabilisieren. Gute Erfolge zeigen auch Sport- und Bewegungsgruppen in Zusammenarbeit mit der Sportuni Wien oder mit Kunsttherapiegruppen, etwa bei Kindern.

Auch Menschen, die auf ihre Abschiebung warten, erfahren traumatische Erfahrungen. Kinder trifft es dabei besonders schwer. "Sie können noch nicht antizipieren, was passiert", sagt Caritas-Psychologin Lehner. Der Wohnort wird plötzlich gewechselt, der Schulbesuch abrupt beendet, Freundschaften auseinandergerissen – wie bei der jüngsten Abschiebung der tschetschenischen Familie. Das Verlassen der gewohnten Umgebung wirkt sich negativ aus: "Ein Containerdorf ist meist keine ideale Lösung. Grundsätzlich gilt: Je kleiner die Form der Unterbringung umso besser für die Psyche und somit auch für die Integration", sagt Lehner. Dabei bräuchten gerade Kinder besonders viel Struktur, um sich richtig entwickeln zu können.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-25 10:32:22
Letzte ─nderung am 2018-01-26 13:13:29